Auch ohne GAU: Atomkraft ist uncool

Soll man da lachen oder weinen: Gestern jährte sich der GAU von Tschernobyl zum 20. Mal, und doch wird über eine Renaissance der Atomenergie debattiert. Hier sind vier Argumente, warum diese Debatte im Zeitalter von Hightech und Netzwerken out ist.

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Von
  • Niels Boeing

Soll man da lachen oder weinen: Gestern jährte sich der GAU von Tschernobyl zum 20. Mal, und doch wird allen Ernstes über eine Renaissance der Atomenergie debattiert. War alles halb so wild, so sollen wir die Internationale Atomenergiebehörde wohl verstehen, wenn sie zu dem Schluss kommt, dass die Zahl der bisherigen Tschernobyl-Opfer bei einigen Hunderten liege. Russische Wissenschaftler hingegen kommen auf einige Zigtausend.

Nun wissen wir schon lange, dass Statistiken und Risikoabschätzungen in einer politischen Auseinandersetzung nichts taugen. Deshalb möchte es hier einmal mit einer anderen Argumentation probieren. Sie lautet: Atomkraft ist im Zeitalter von Hightech-Innovationen und Netzwerken maximal uncool - aus vier guten Gründen.

1. Atomkraft ist unelegant. Gewaltige Betonklötze müssen um einen vergleichsweise kleinen Reaktorkern gebaut werden, und schlimmer noch, die Kernenergie muss aufwändig mittels wassergetriebener Turbinen in Elektrizität transformiert werden. Nicht viel passiert seit James Watt, oder wie? In der Mathematik kennt man den eleganten Beweis, in der Physik die elegante Theorie. Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich durch Prägnanz und eine schnörkellose Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel auszeichnen. Kann man das von einem Atomkraftwerk sagen?

2. Atomkraft ist zentralistisch. Die riesigen Anlagen, die von einem Punkt aus ganze Landstriche mit Strom versorgen, atmen geradezu den Geist der Tonnenideologie, in der sich Kapitalismus und Realsozialismus so verblüffend einig waren. Atomkraftwerke ähneln eher Tempelbezirken eines plumpen Industriezeitalters, in dem die Massen nicht viel zu melden haben. Isaac Asimov hat in seiner brillanten „Foundation“-Trilogie seine Protagonisten in der Zukunft eine Religion um die Atomkraft bauen lassen, die mit diesem Trick ganze Sternsysteme beherrschen konnten. In der Gegenwart der Netzwerke wandeln sich die Massen jedoch zu kreativen Schwärmen, in denen zahlreiche verteilte Akteure Produktives leisten. Ein zeitgemäßes Energiesystem wird ebenfalls zu einer solchen dezentralen Struktur übergehen.

3. Atomkraft ist latent repressiv. Denn sie kommt ohne einen beeindruckenden Sicherheitsapparat nicht aus – ganz gleich, ob vor dem Werkstor Castorgegner warten oder nicht. Während unter Windrädern Kühe grasen und neben Solardächern Würstchen gegrillt werden können, müssen die Reaktorkerne durch Zäune und Gräben gesichert werden, die an die Berliner Mauer erinnern. Über die ist die Geschichte zurecht hinweggegangen. Warum soll dieser Anachronismus noch weiter gepflegt werden?

4. Atomkraft ist pervertierbar. Der diplomatische Konflikt mit dem Iran zeigt uns täglich, wie die Kinderstube der Atomkraft ausgesehen hat. Es war das Manhattan-Projekt, das in Hiroshima und Nagasaki vollendet wurde. Wo spaltbares Material angereichert wird, ist es immer nur ein kleiner Schritt zur Bombe. Diese Tatsache lässt sich auch mit sophistischer Rhetorik nicht aus der Welt schaffen. Hingegen ist es wohl selbst für Fantasy-Autoren eine echte Herausforderung, sich auszumalen, wie man eine Armee mit umfunktionierten Windrädern, Brennstoffzellen und Solarpaneelen bewaffnen kann.

Das Schöne ist: Für diese Argumentation muss man nicht Physik studiert haben. Man muss keine Strahlungsgrenzwerte bemühen, sich nicht den Kopf über die Ausgestaltung von Endlagern zerbrechen, über physikalische Prozesse, mit denen die Kraft der Atome effizienter „moderiert“ werden kann. Das sind alles Manöver, mit denen Physiker gerne davon ablenken, dass sie die Eigenständigkeit von Technik im Grunde nicht verstehen. Denn die ist mitnichten angewandte Physik, sondern die Grundstruktur unserer Zivilisation, in der die Physik nur eine Zutat von vielen ist. Die weitaus bedeutendere ist die Notwendigkeit des Profits. Der ist leider noch nicht uncool geworden. Aber das 21. Jahrhundert hat ja gerade erst angefangen. (wst)