Eine kleine Knopfgeschichte
Lassen wir mal die Schaltknöpfe eine kleine Geschichte der modernen Welt erzählen: Die Wendung “per Knopfdruck” stand in den Anfangsjahren der Computerisierung für die Schatten, welche die Automatisierung der Welt vorauswarf.
- Peter Glaser
Lassen wir mal die Schaltknöpfe eine kleine Geschichte der modernen Welt erzählen: Die Wendung “per Knopfdruck” stand in den Anfangsjahren der Computerisierung für die Schatten, welche die Automatisierung der Welt vorauswarf.
In den fünfziger Jahren bauten Männer wie Daniel Düsentrieb Elektronengehirne, deren Konsolen mit jenen Federhebelkippschaltern bestückt waren, die aussehen wie stählerne Steinschleudern. Es war die Zeit riesiger Radioapparate, an denen einen ein Magisches Auge grün anglühte und es aus dem sackleinenbespannten Lautsprecher twistete. Der Drehknopf an der Frequenzskala war stufig wie eine winzige Hochzeitstorte, am Rand gerillt wie eine Münze und bei edleren Modellen mit einbem schmalen Goldrand gebändert.
Die Schaltknöpfe dieser Radios waren gelb wie Raucherzähne und groß wie Nougatwürfel. Wer einen solchen Knopf drücken wollte, hatte sich einer mit Absicht widerspenstigen Mechanik entgegenzustemmen. Um den Knopf zu drücken, war eine gewisse Anstrengung nötig, sozusagen erlebte Physik. Man bekräftigte durch den Knopfdruck die Absicht, das Gerät zu frequentieren.
Mit den Jahren ging die Berührung der Knöpfe sachter vonstatten. An butterglatt skalierbaren Drehknöpfen stellte sich in den siebziger Jahren erstmals etwas wie ein Zartgefühl gegenüber der Maschine ein. Der Widerstand, den man von einem Knopf gewohnt war, wurde raffinierter. Es gab Drehknöpfe aus Metall, groß wie Hockeypucks, die einem beim Drehen ein flüssiges Gefühl ihres Gewichts gaben. Andere Knöpfe leisteten winzige Widerstände in der Art eines Tresorschlosses: Der Drehregler bewegt sich nicht im freien Lauf, sondern Tick für Tick.
Die Knöpfe wurden immer kleiner, flacher und weich wie Fleisch. In den Achtzigern tauchten sie ab in Folientastaturen und vandalismusresistente Drückfelder an öffentlichen Geräten wie etwa Fahrkartenautomaten oder Bankomaten. Mit dem Siegeszug des Computers begann der endgültige Abschied vom Knopf. Heute bedienen wir nur noch scheinbare Knöpfe unter der gläsernen Haut der Bildschirme. Klickbuttons sind sentimentale Repliken auf den richtigen, echten Knopf wie Gott ihn einst schuf.
Die letzte Verfeinerung des virtuellen Knopfes – der keiner mehr ist – kommt von Volkswagen. Von der amerikanischen Firma Immersion hat VW jüngst eine Technologie erworben, mit der sich virtuelle Knöpfe auf einem Touchscreen fühlbar machen lassen. Man spürt an der Fingerspitze wieder sowas wie einen Knopf. Aber es ist nur noch das Nützliche, das bleibt. Das schöne wirkungswunderkleine Knopfgefühl aber ist ausgestorben, wie das Röhrenradio. (wst)