Werbeagentur Schrei & Nerv

Der Online-Werbemarkt boomt. Dumm nur: Die allermeisten Unternehmen dieser Branche verblüffen durch eine ausgeprägte Schlichtheit, gepaart mit einer gehörigen Portion Ignoranz und einer Schöpfkelle voll Phantasielosigkeit.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Mario Sixtus

Der Online-Werbemarkt boomt. Allein in den USA wurde 2005 mit Web-Werbung ein Umsatz von 12,5 Milliarden Dollar generiert. Hierzulande sollen es in diesem Jahr immerhin 1,3 Milliarden Euro werden. Das sind gute Nachrichten für Internet-Unternehmen, die auf werbefinanzierte Dienste setzen - und somit gute Nachrichten für uns alle, denn je größer die Chancen, dass pfiffige Web-Services überleben können, um so mehr von ihnen werden aus dem Netz sprießen. Und eine breite Auswahl wirkt sich naturgemäß positiv auf die allgemeine Qualität aus.

Die Online-Vermarkter wittern Morgenluft und akquirieren derzeit allerorten neue Werbeflächen. Allein: Die allermeisten Unternehmen dieser Branche verblüffen durch eine ausgeprägte Schlichtheit, gepaart mit einer gehörigen Portion Ignoranz und einer Schöpfkelle voll Phantasielosigkeit.

Kürzlich hatte ich das zweifelhafte Vergnügen einer mentalen Zeitreise in die Neunziger, ausgelöst durch den Anruf eines Online-Werbers. Er würde gerne Werbefläche auf meinem Blog (er sagte "Homepage") erwerben, teilte mir der junge Mann mit. (Aha, dachte ich mir, jetzt klingeln die Einkäufer also schon in der achten Liga: Die Branche scheint wirklich zu brummen.) Neugierig fragte ich ihn, was er denn anzubieten habe. "Klassische Bannerwerbung ist out", erklärte der Reklamemakler, daher würde sein Unternehmen fast ausschließlich innovative Werbeformen einsetzen. Jetzt hatte der Anrufer endgültig mein Interesse geweckt. Für Innovationen bin ich schließlich immer zu haben. Was wird der Mann wohl in seinem Bauchladen haben? Kontextrelevante Anzeigen? Keyword-sensitiv? Themen-Channels? Nein, das gibt es alles schon seit langem. Wer das Wort "innovativ" in den Mund nimmt, hat solcherlei Alltäglichkeiten wahrscheinlich schon lange hinter sich gelassen. "Besonders beliebt", fuhr der junge Mann endlich fort, "sind Pop-Ups, Pop-Unders und Flash-Layer." Peng! Da platzte die Illusion mit der Aufschrift Innovation. "Beliebt?", entfuhr es mir, "bei wem sollen die denn beliebt sein?" "Na bei unseren Kunden", klärte mich der Werbeflächeneinkäufer auf, wobei seine Stimme deutlich Verwunderung über meine Verwunderung offenbarte. (Nur um der Vollständigkeit willen: Das Telefonat nahm ein recht schnelles Ende.) Eine flüchtige und nicht repräsentative Netz-Recherche ergab: Der Mann ist mitnichten ein einsamer Verwirrter. Vielmehr preisen nach wie vor fast alle großen deutschen Online-Agenturen die gefürchteten Terror-Formate an, die ich allesamt eigentlich auf dem Schrotthaufen der Netz-Geschichte wähnte.

Liebe Online-Vermarkter in diesem, unserem Lande. Bitte schreibt folgenden Satz 100-mal ab (copy und paste gilt nicht):

Das Internet ist kein Massenmedium und seine Nutzer sind kein Klickvieh.

Manchmal hilft auch ein Blick über den großen Teich. Werbefenster, die drüber, drunter, neben oder sonst wo poppen, sind mittlerweile in den USA unter seriösen Anbietern ebenso verpönt wie Flash-Flundern, die sich über den eigentlichen Inhalt schieben. Werbeformen aus dem Hause Schrei & Nerv finden sich dort fast nur noch in den Schmuddelecken des Netzes. Es hat sich unter den Werbekunden nämlich herumgesprochen, dass ein einziger interessierter Besucher auf der Website mehr wert ist, als 1000 genervte Zufallsgäste, die nur auf die Seite gerutscht sind, weil sie mit dem Cursor das Schließkreuz einer Anzeige nicht richtig getroffen haben. Warten wir mal ab, wie lange es dauert, bis diese Erkenntnis endlich in Deutschland ankommt. (wst)