We simplify the world
Nun hat auch Europa seinen Michael Moore: Der Ă–sterreicher Erwin Wagenhofer bringt einen kritischen Film ĂĽber die globale Agrarindustrie ins Kino und erntet nur Lob. Kein Wunder, denn er manipuliert subtiler als Moore.
- Matthias Urbach
Tomaten, die in Gewächshallen auf sterilen Steinwollesubstraten gedeihen. Maiskolben, die nur zum Heizen vom Mähdrescher eingefahren werden. Und kopfüber hängende Hühner, die im Zweisekundentakt am Fließhaken ihren Tod im Kreiselmesser entgegenschweben. Wer einen Einblick in die moderne Agrarwirtschaft jenseits der Alm- und Heuschoberidylle der Werbeindustrie erhaschen will (und ertragen kann), der ist bei „We Feed The World“ genau richtig.
Wie in der „Sendung mit der Maus“ verfolgt Erwin Wagenhofers Film das Entstehen unserer Nahrung - zum Beispiel den Weg der Mastküken in nur wenigen Wochen vom Vorbrüter bis zur Einschweißfolie. Dazwischen der Nestle-Chef, der sein Unternehmen preist, und UN-Sonderbotschafter Jean Ziegler, der für den Hungernden der Welt streitet. Das hätte eigentlich eine runde Sache sein müssen.
Ist es aber nicht. Obwohl sich Wagenhofer – abgesehen von kurzen Einblendungen - jeden Off-Kommentar vermeidet, ergreift sein Film (und noch mehr die Homepage) doch klar Partei: Gegen die Agrarindustrie. Daran ist zunächst nichts Schlechtes. Wenn nur nicht so viele wichtige Fakten fehlten.
Da wäre zunächst der für die Stromerzeugung glühende Mais, der als Anklage unter dem Filmtitel „We Feed The World“ eingeblendet wird. Natürlich wirkt es zynisch, Nahrung zu verbrennen, wenn anderswo Menschen hungern. Aber es ist ja nicht so, dass die Menschen deswegen hungerten, weil in Europa Biomasse verheizt wird. Und Bioenergie schont (in der Regel) das Klima – und rettet so Menschenleben.
Dann zeigt Wagenhofer Jean Ziegler: Der spricht davon, dass es Mord sei, wenn Menschen verhungerten, schließlich könne vom angebauten Getreide die Welt zweimal satt werden. Eine zentrale Aussage dieses Films, in dem Ziegler so etwas wie der Welterklärer ist. Ungefähr das, was Christoph und Armin bei der „Sendung mit der Maus“ sind. Kurz darauf lässt der Filmemacher einen Pioneer-Manager – quasi als Kronzeugen – über Hybridgemüse herziehen. Was Wagenhofer nicht ins Bild setzt: Es war die Entwicklung der Hybridkulturen, die die enormen Ertragssteigerungen der vergangenen fünfzig Jahre erst möglich machte (beim Mais zum Beispiel auf etwa das Vierfache). Ohne Hybride wäre der Hunger ungleich größer.
Der Gipfel ist die Behauptung, Hybride machten die Bauern abhängig von den Saatkonzernen, weil sich aus Hybriden keine fruchtbare Saat mehr gewinnen lässt. Sind wir Konsumenten denn abhängig vom Bäcker, nur weil wir das Brot nicht mehr selber backen? Natürlich kann der Bauer Hybridsaat nicht selbst ziehen: Aber die Mehrerträge gleichen die Kosten des gekauften Saatguts mehr als aus. In „We Feed The World“ aber gerät das Wort „Hybrid“ geradezu zur Metapher für das Böse.
Zwar lässt Erwin Wagenhofer den Nestlé-Chef Peter Brabeck zu Wort kommen. Freilich nicht mit Argumenten zur Sache, sondern fast nur mit solchen Äußerungen, die den Nestlé-Mann nach dem vorher gezeigten schlecht aussehen lassen. Ziegler darf Brabeck sogar anmoderieren mit den Worten, er sei ja ein netter, braungebrannter Mann, aber letztlich doch nur ein Gefangener der Finanzmärkte.
Ähnlich geht Wagenhofer mit der Episode vom französischen Langustenfischer vor: Der wirft der EU vor, sie wolle die Kutterfischer zugunsten der Fabrikschiffe fertig machen. Man fragt sich als Zuschauer natürlich: Warum macht die EU das? Im Film erfährt man dazu nichts. Tatsächlich fördert die EU mit Prämien das Abwracken von Fischkuttern: Allerdings sollen sich dadurch die Fischgründe erholen – damit nicht noch mehr Fischer vor die Hunde gehen. Und nach Ansicht von Umweltverbänden ist die EU damit eher zu zaghaft als zu energisch.
Der naiv daherkommende Blick auf den Zustand unserer Nahrungsproduktion hat seinen Charme. „Die Sichtweise, wie man diesen Film lesen kann, ist sehr offen“, erklärt Wagenhofer auf der Werbeseite seines deutschen Verleihers. Doch angesichts des Auslassens aller Fakten, die die mahnende Wirkung der Bilder schmälern könnte, nehme ich das dem Autor nicht ab. Es riecht nach System, und – leider – bewusster Irreführung. Nein, Wagenhofer ist nicht so polemisch wie Michael Moore. Er manipuliert subtiler.
Das ist ein Jammer. Denn sehenswert sind die Bilder allemal: Allein die armen MasthĂĽhner. Da weiĂź man wieder, warum man im Bioladen kauft. (wst)