DIGITALES DRACHENFENSTERLN
Motorola hat gerade ein US-Patent für ein Mobiltelefon beantragt, das Feng-Shui kann. Der Fortschritt hat mit dem Feng Shui-Handy wieder wird ein Stück elitäres Expertentum mit technischen Mitteln zwangsdemokratisiert.
- Peter Glaser
Dass nüchtern anmutende Kommunikations- und Informationstechnologie nicht automatisch das Bedürfnis nach Aufklärung anwachsen läßt, belegt nicht nur die Schwemme an Schicksalsdeuterinnen, die nachts durchs Fernsehen gespenstern und Geld dafür verlangen, dass man ihnen dabei zusehen darf, wie sie ein bißchen in ihrer Astrologiesoftware herumklicken.
Die Firma Motorola hat gerade ein US-Patent für ein Mobiltelefon beantragt, das Feng-Shui kann. Das Gerät soll mit einer Reihe von Sensoren ausgestattet werden, die Wohnräume abtasten und deren Harmoniegrad berechnen sollen. Die Sensorik setzt auf herkömmliche Handy-Features. So wird etwa eine integrierte Kamera Bilder einer Wohnung oder eines Büros aufnehmen, anschließend werden darauf Farben und Distanzen von Möbeln, Fenstern etc. zueinander bestimmt. Über das Mikro wird der Geräuschpegel ermittelt, das GPS-Modul gibt Auskunft zur Lage und über die Signalstärke, die das eingebaute UKW-Radio empfängt, wird sogar der Abstand zum nächsten Radio-Sendemast gemessen. Eine Feng-Shui-Software verrät einem anschließend, wie nahe man in seinem Habitat bereits fernöstlicher Wohn-Wellness ist.
Wie jeder weiß, bedeutet Feng-Shui, Wohnbau und Innenarchitektur chinesischem Vorbild entsprechend den Geistern der Luft und des Wassers geneigt zu machen, um den Fluß der Lebensenergie zu befördern. Dass besondere Bauwerke nach astronomischen Gesichtspunkten ausgerichtet werden, ist nicht nur vom Steinkreis in Stonehenge und den ägyptischen Pyramiden bekannt, auch christliche Kathedralen wurden oft nach den Himmelsrichtungen justiert. Die Ausrichtung nach dem Osten ist in dem Begriff “Orient”ierung verankert.
Das moderne Feng-Shui aber ist erst ein paar Jahrzehnte alt und hat mit der Tradition (ursprünglich wurde Feng-Shui in China bei der Anlage von Grabstätten angewandt) kaum noch etwas zu tun. Vor ein paar Jahren fragte ich meinen Freund R., der eine Firma in Hongkong leitete, was das Loch in einem Gebäude bedeutete, das ich auf einem Foto gesehen hatte. In dem Bürokomplex "The Repulse Bay" klafft eine spektakulärer Durchbruch über mehrere Etagen (wodurch etwa 2000 Quadratmeter weniger Bürofläche zur Verfügung stehen). Auf dem Berg hinter dem Gebäude, so war zu erfahren, wohne ein Drache, der auf seinem täglichen Weg ins Meer nicht gestört werden dürfe.
Bei den TV-Astrologen ist die Absicht abzuzocken so offensichtlich, dass man gar nicht erst anfangen muß zu fragen (etwa, ob alle Horoskope bis 1846 falsch sind, da James Challis erst damals den Planeten Neptun entdeckte). Auch Feng-Shui hat einen profanen Hintergrund. Mit dem Lo Pan, einem Kompaß mit verschiedenen Symbolebenen, ermittelt der Feng-Shui-Fachmann die Qualitäten eines Orts. Freund R. erzählte, dass in Hongkong als Armbanduhren getartnte Mini-Lo Pans verwendet werden, damit niemand erkennen kann, dass ein Feng Shui-Meister zugange ist. Ein Gerücht über guten oder schlechten Harmoniefluß eines Grundstücks kann dessen Preis explodieren oder kollabieren lassen.
Der Fortschritt hat mit dem Feng Shui-Handy wieder wird ein Stück elitäres Expertentum mit technischen Mitteln zwangsdemokratisiert. Lieber ein Merkwürdigkeiten berechnendes Mobiltelefon als ein wolkige Hinweise und unwolkige Honorare produzierender Harmonieberater. (wst)