Lieber Edgar Schuler

Das Internet sei dem Papier als Informationsmedium unterlegen, schreibt ein Schweizer Schreiber. Der Mangel an Platz sei seine große Stärke. Sonst noch was?

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Von
  • Mario Sixtus

Lieber Edgar Schuler, man sagt ja, Pfeifen helfe gegen Furcht. Zum Beispiel nachts im dunklen Wald. Lautes Pfeifen wäre nach dieser Theorie ein extra großer Mutmacher (was vielleicht die marschierenden Pfeifenspieler erklärt, die seinerzeit in irgendwelche dreißigjährigen Kriege gezogen sind, aber ich schweife ab). Die Pfeif-Lautstärke, die aus diesem Text (PDF, Danke ans Namics-Blog für den Scan) heraus tönt, sollte jedenfalls gegen die Angstattacken einer mittleren Kleinstadt ausreichen.

Ist es wirklich so schlimm, Herr Schuler? So dunkel im Wald, dass Sie publizistische Wisch-und-weg-Angebote wie "20 Minuten" herbeipfeifen müssen, als Beleg für die hanebüchene These, "die wahre Stärke des gedruckten Wortes" sei "die Beschränkung"? Warum, so fragen Sie, hat besagter Info-Fast-Food so viel Erfolg, wenn nicht durch die Beschränkung? Ich verrate Ihnen was, Herr Schuler, auf die Gefahr hin, dass Ihr Pfeifen noch lauter wird: Die Leute lesen diese journalistische Schonkost, weil es bislang einerseits an der WLAN-Versorgung in öffentlichen Verkehrsmitteln hapert und andererseits PDAs und Notbooks noch kein wirkliches Lesevergnügen bieten. Letzteres ändert sich gerade.

Aber das nur nebenbei. Ich benötige nämlich weder Zukunftsprodukte, noch Technologiephantasie um ihre brüchige These "Beschränkung ergibt Qualität" ins Land der Schnapsideen zu verbannen. Es reicht ein Blick in die Umschlagplätze der angeblich so wohltuenden Beschränktheit: in den Zeitschriftenhandel. Jedes der Papierprodukte, die dort auf einen Käufer warten, verfügt nur über eingeschränkten Platz. Und wissen Sie was Herr Schuler? Das inhaltliche Niveau ist in den allermeisten Fällen ebenso beschränkt. Wie kann das sein? Wo ist das "handliche Paket überblickbarer, nützlicher, lesbarer Nachrichten und Meinungen", das Sie doch so eindeutig im Reich der Druckerschwärze verorten? Das muss ich mir in der Zeitschriftenwelt nämlich ebenso mühsam zusammensuchen wie im Web.

Nein, ich glaube noch nicht mal, dass Sie glauben, was Sie da geschrieben haben, Sie waren höchstwahrscheinlich so sehr auf der Suche nach einer Angstbremse, die den heranrollenden Medienwandel klein redet, dass Ihnen jeder argumentative Strohhalm recht war. Sogar einer, auf dem "Beschränktheit" steht.

Wäre ich böswillig, was ich glücklicherweise nicht bin, könnte ich noch etwas anderes aus Ihren Zeilen heraus lesen: Standesdünkel. Ich könnte Ihnen unterstellen, dass Sie Angesichts all der plötzlich aufgetauchten publizierenden Amateure in diesem komischen Interdings ein wenig genervt sind vom Schwund der Exklusivität unseres Berufes.

Wissen Sie was, Kollege Schuler? Ich genieße es. Ich genieße den frischen Wind, die neuen Ideen, die durch Blogger und Podcaster in den medialen Raum hereingeweht sind. Ich genieße ihre Respektlosigkeit und ihre freche Schreibe. Sicher, es tummeln sich auch Trolle und Nervensägen im Netz, aber je nun, sollen sie.

Ich gebe Ihnen recht: Eine unserer Hauptaufgaben wird auch in Zukunft das Filtern, Überprüfen und Aufbereiten von Informationen sein. Allerdings sind wir dabei ab sofort nicht mehr allein. Unsere Leser sind ganz nah bei uns. Stört Sie diese Nähe vielleicht?

Qualität hat nichts mit dem Trägermedium zu tun. Ein gut gemachtes Wissenschaftsblog, dessen Autor mit Sachverstand und Leidenschaft zu Werke geht, ist mir allemal lieber, als ein am Reißbrett entstandenes Print-Produkt aus den von Ihnen so hoch gelobten "Ideenfabriken der Verlage".

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Herr Schuler. Zum Abschluss habe ich noch zwei "blökende Blogger" für Sie: hier und hier. Und: Sie können natürlich weiterhin im Dunkeln pfeifen, um sich Mut zu machen. Oder Sie knipsen einfach das Licht an. Das soll bisweilen erhellend wirken. (wst)