Die Zuvielisation
Welche Pfade werden wir beschreiten, wenn sich die Prinzipien von Google Maps, Videospielen und Avataren verbinden und die Realität in eine Form überführen werden, die Prognostiker “Metaversum” nennen?
- Peter Glaser
Was passiert, wenn sich immer stärkere virtuelle Welten den Punkten der realen Welt anlagern? Welche Pfade werden wir beschreiten, wenn sich die Prinzipien von Google Maps, Videospielen und Avataren verbinden und die Realität in eine Form überführen werden, die Prognostiker “Metaversum” nennen?
Nomaden - arabisch "Die keine Wege brauchen" - stehen für die zeitgemäße Weise, sich durch eine solche digital überhöhte Welt und das Wissen von ihr zu bewegen. Die virtuellen Bewegungsmöglichkeiten, die uns moderne Kommunikationsmittel und das Internet geben, empfinden aber nicht alle Menschen als Zugewinn. Zu viel scheint unausgesetzt und gleichzeitig zu geschehen. Viele scheinen in dieser intensivierten Wahrnehmung der Gegenwart gefangen zu sein und wenden sich der Zukunft in einer Art Fluchtbewegung zu.
Dazu gehört auch das Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen der modernen Welt, mit immer kürzeren Sätzen, schnelleren Schnitten. Wir befinden uns, falls das jemanden beruhigen sollte, in einem Phasenübergang und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen dieses Übergangs. Was wir derzeit erleben, ähnelt einem flimmernden Bildschirm, der so lange nervt und unruhig macht, bis die Bildfrequenz auf über 70 Hertz steigt. Plötzlich wird das Bild ruhig und klar – auch wenn man weiter beschleunigt.
Nun werden neue Bewegungsfreiheiten erprobt, die es erlauben, jene Millionen Welten, die nur der Mensch betreten kann, auf ganz unterschiedliche Arten zu durchqueren. Die neuartigen Bedeutungsgewebe, deren berühmtestes das Netz ist, kennen bestimmte Eigenschaften nicht mehr. Zum Beispiel haben sie keinen Anfang und kein Ende. Vielleicht beginnt unsere Kultur sich gerade auf eine Art zu verändern, die so dramatisch ist wie die Beherrschung des Feuers. Wir bewegen uns aus dem Einen ins Viele.
Es waren vor allem Künstler, die lange schon vorausgeahnt haben, was kommt. Die Kubisten bildeten schon vor hundert Jahren die Dinge nicht mehr nur aus einem Blickwinkel ab, sondern aus mehreren. Schriftsteller wie Lawrence Durell oder Nagib Machfus schrieben Romane, in denen eine Geschichte aus mehreren verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Im Film, der linearen Schrift aus Bildern, wird die Bewegung ins Viele besonders deutlich. Keine dekorative Explosion, die nicht, von mehreren Seiten gefilmt, quasi gleichzeitig zu sehen wäre. In Streifen wie “Und täglich grüßt das Murmeltier”, “Sie liebt ihn - Sie liebt ihn nicht” oder “Lola rennt” bewegt sich eine Geschichte in mehreren verschiedenen Verläufen.
Ein Mensch kann komponieren - Partituren verfassen, in denen Noten beschreiben, wie hundert Instrumente gleichzeitig klingen. Können wir auch lernen, mit Gedanken umzugehen wie mit Noten? Kein Lebenwesen wäre von der Natur dazu besser ausgestattet als wir. Und ist es nicht aufregend, sich vorzustellen, wie der Mensch sich weiter in die Unermeßlichkeit bewegt? (wst)