Zwischen Wanst und Wegtragsel

Ein Begriff, dessen Bedeutung sich umgekehrt reziprok zu seiner Verbreitung verhält ist nicht viel wert. Also weg mit Web 2.0. Das Plädoyer eines Bekehrten.

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Von
  • Mario Sixtus

Den Wolgahund (Canis volgensis) erwischte es bereits im ersten Jahrhundert. Der Karpaten-Wisent (Bison bonasus hungarorum) schaffte es immerhin bis zum Jahre 1790 und der Pyrinäen-Steinbock (Capra pyrenaica pyrenaica) hielt sogar bis ins Jahr 2000 durch: "Das letzte lebende Exemplar, ein Weibchen, starb am 6. Januar 2000", weiß Wikipedia. Artenreichtum bedeutet auch immer Artensterben, so traurig das ist. (Und bei aller berechtigten Kritik am menschlichen Natur-Raubbau bleibt festzuhalten: Die allermeisten Spezies haben sich schon in prähistorischen Zeiten von diesem blauen Planeten verabschiedet.)

Nicht nur die irdische Fauna ist ein äußert dynamisches Dingelchen, auch in der menschlichen Sprache herrscht ein reges Kommen und Gehen. Der Journalist und Autor Bodo Mrozek hat sich die Mühe gemacht, eine Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Wörter zu erstellen. Dort finden sich solch wunderhübsche Begrifflichkeiten wie "Aftermieter" (keinerlei anale Phantasien bitte, das ist lediglich ein eine veraltete Bezeichnung für Untermieter), "Bratkartoffelverhältnis" (kurzlebige, außereheliche Zweierbeziehung), "Ferkeltaxi" (Schienenfahrzeug im ländlichen Raum) oder "Hagestolz" (eingefleischter Junggeselle).

Die allerneueste Neuzeit hat ebenfalls ein paar wegsterbenden Vokabeln hervorgebracht. "Datenautobahn" etwa, ein furchtbarer Buchstabenbrocken, zumeist ausgestoßen in TV-Diskussionen von Zeitgenossen, die keine Ahnung haben, wovon sie reden. Oder "Homepage". Das klingt nach endneunziger Jahren, nach animierten Gifs und Comic Sans, nach Gästebüchern und E-Mail-Adressen, die andy2654@aol.com lauten.

Zu Dotcom-Zeiten kursierte die vermeintliche Weisheit, ein Internet-Jahr entspräche sieben Offline-Jahren. Sollte dem so sein, so hätte der Begriff "Web 2.0" immerhin rund zehn Jahre überlebt. Internet-Jahre, versteht sich.

Im Oktober 2004 kreierte der Verleger Tim O'Reilly mit ein paar Mitstreitern das Wörtchen, als Titel für eine Konferenz. Schnell verselbständigte sich die Begrifflichkeit und wurde zum Synonym für, äh, tja, was eigentlich? Ich gestehe: Auch ich fand es toll, dass da plötzlich eine knackige Vokabel bereit lag, für etwas, das man nur mühsam in fünf Sätze packen kann. In den letzten paar Jahren ist das Web wieder ungeheuer lebendig geworden, aber es fühlt sich vollkommen anders an, als zu Hype-Zeiten. Offenheit, Transparenz, Freiheit und Kollaboration heißen plötzlich die Worte der Saison (und nicht mehr "Revenue-Optimisation durch sticky Content und Medie-centric Sale-Strategies", oder so ähnlich). Irgendwie musste man dieses Phänomen einfach nennen. Warum nicht Web 2.0? Griffig, praktisch und bei Bedarf kann man einfach weiter zählen.

Ein Wort, das für etwas steht, das man nur mühsam in fünf Sätze packen kann, hat den entscheidenden Nachteil, dass sich die Nutzer dieses Wortes gerne besagte fünf Sätze Erklärung sparen. Zu mühsam. Und schon verflüchtigt sich seine Bedeutung in einem umgekehrt reziproken Verhältnis zu seiner Verbreitung. Plötzlich war jede Kleinanzeigen-Klitsche für "Benzinkutschen" (Rote Liste) irgendwie Web 2.0. Ein bisschen Ajax hier, ein wenig Tagging dort, schon konnte sich jede dritte Homepage auf der Datenautobahn die begehrte Versionsnummer aufkleben. Ich bin bekehrt. Ich bereue. Ich will nicht mehr. Gnade!

Spätestens als Marcus Englert, seines Zeichens Geschäftsführer einer Pro-Sieben-Tochter und obendrein tief, tief verwurzelt in altem (in ganz altem) Mediendenken, in der letzen Woche auf dem Medienforum in Köln "Wäbzwopunktnull" ins Redner-Mikro krähte, war klar: Jetzt ist der Begriff beinahe tot. Mausetot ist er wohl endgültig, seit herauskam, dass der O'Reilly-Verlag, selbsternannter Streiter für Open Source und eine bessere Welt, das 2.0-Wort als Warenzeichen angemeldet hat und nun eine Non-Profit-Organisation abmahnt. Auch wenn O'Reilly jetzt eilig Schadensbegrenzung betreibt: Die Reputationsimplosion ist da und "Web 2.0" klingt mittlerweile überhaupt nicht mehr sexy.

Auf der Roten Liste fände sich Web 2.0 übrigens zwischen "Wanst" und "Wegtragsel" wieder. Nette Nachbarn. Herr Mrozek, übernehmen Sie. (wst)