DIE PLANETARE UNORDNUNG

Die Idee der perfekten Struktur, der Vollkommenheit, ist eine Falle: Nur das Chaos lebt. Und mit dem Netz erreicht das Durcheinander neue kulturelle Höhepunkte.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Wir alle geben uns einer gigantischen Illusion hin. Wir glauben, dass Computer uns dabei helfen, Dinge zu ordnen. Stets wie mit dem Lineal gezogen stehen die Zeilen mit Zahlen oder Text in akkuraten, geraden Zeilen und geometrischen Fenstern auf dem Bildschirm. Kein Handschriftgekrakel. Keine geologischen Papierschichtungen am Schreibtisch mehr. Stattdessen saubere, digitale Ordnung. Die neue Zeit ist vernünftig und klar. Ein skurriles Foto als Bildschirmhintergrund ist höchstens noch eine sentimentale Replik auf die versunkene Zeit analoger Wirrnis.

Gut, manchmal komme ich auch ins Grübeln. Einmal war ich bei den Computerleuten in einer neuen Redaktion. Es zieht mich immer zu den Jungs an den Servern. Ein Bildschirmschoner zeigte ein Aquarium. Fische schwammen vorbei, mit dieser schönen, ozeanischen Nichthektik. Ab und zu schwamm eine schwarze Katze vorbei, und manchmal pupste sie. Dann stiegen Luftblasen auf, auch das ganz gemessen. Wenn einer der Fische mit einer der Luftblasen in Kontakt kam, starb er und schaukelte wie welkes Laub auf den Grund. Wenn ich vor 30 Jahren jemandem erzählt hätte, dass so das Computerzeitalter aussehen würde, keiner hätte mir geglaubt.

Inzwischen ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass sie uns nicht nur erlaubt, die alte Unordnung ohne Abstriche in den Computer zu ĂĽbernehmen, sondern sie noch zu ĂĽbertreffen. Entdeckt ein Deutscher ein unberĂĽhrtes StĂĽck Welt, so macht er es urbar, indem er Schilder aufstellt. Das Eldorado der Schilderfreunde aber ist das Internet: Es gibt keine StraĂźen mehr, nur noch Schilder. Verweise, Abzweigungen, Piktogramme. Regeln pur. Regelung aber heiĂźt noch lange nicht Ordnung.

Mit dem Internet hat der Mensch eine vollkommen neue Dimension des Durcheinanders erschaffen. Das Netz ermöglicht es uns nun, nicht mehr nur Bücher und Zettel durcheinanderzuschmeißen, sondern auch Bilder aller Art, Animationen, Videos und komplette Datenbanken. Im gordischen Myzelienknoten der Hyperlinks ist inzwischen die ganze Welt in die Globalisierung der Unaufgeräumtheit eingebunden.

Dazu gibt es Ordnungssysteme, die sich jemand anderer für uns ausgedacht hat und die aber überhaupt nicht unserer persönlichen Art entsprechen, die Welt und ihren Anteil an digital faßbaren Daten wiederzugeben. Neuerdings gibt es Unordnungssysteme (“tagging”), in denen die Idee des Strukturierens überhaupt aufgegeben wird. An ihre Stelle treten dynamische Wortwolken, denen man seine eigenen Begriffe hinzufügen kann oder aus denen man sich seine Infoschlückchen schnappt, wie aus einem Getränkeautomaten.

Ziel von Multimedia ist es also, die Unübersichtlichkeit zu universalisieren. Jeder soll alles von überall aus durcheinanderbringen können. Ordnen kann jeder Depp. Der wahre Fortschritt kommt aus dem Durcheinander.

Wird sich die Aufgabe des Menschen in Zukunft darin erschöpfen, nur noch als Würze eine Spur Unordnung in ein System zu bringen, das im Übrigen in robotischer Gleichförmigkeit vonstatten geht? Liegt das eigentliche Talent des Menschen darin, fehlerhaft zu sein?

Die fürchterlichste Gefahr kommt aus der Ordnung. Feststellen kann man das beispielsweise, wenn man gerade renoviert hat. Alles ist frisch und vollkommen, die Wandfarbe leuchtet, das versiegelte Parkett glänzt, das Tischtuch ergibt sich faltenlos seiner Funktion. Das Einzige, was noch stört, ist man selbst. Die Idee der Vollendung ist eine große Falle, und in solchen Momenten schnappt sie zu. Man denkt, dass man glücklich sein würde mit der schönen neuen Wohnung, aber sie macht einen fertig. Ich störe, also bin ich.

Die Lebendigkeit kommt erst in den nächsten Tagen wieder in demselben Tempo, mit dem die Wohnung langsam den Glanz der Perfektion verliert unter dem ersten Staub, den eingetrockneten Ringen unter der Kaffeetasse am Schreibtisch, den Brötchensplittern in den Fugen der Computertastatur, mit dem Dreck also. Der liebe Dreck. Wehret der Vollendung, liebe Freundinnen und Freunde: Sie ist es, was euch unglücklich macht. (wst)