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Siehe da: Es funktioniert. Mit kopierschutzfreien MP3-Files hat sich die Downloadplattform Emusic zur weltweiten Nummer zwei gemausert. Die Musikindustrie wird dieses Konzept trotzdem nicht ĂĽbernehmen. Weil sie nicht kann.

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Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Mario Sixtus

Man stelle sich vor, ein Unternehmen würde Musik ohne Kopierschutz zum kostenpflichtigen Download anbieten. Obendrein im beliebten MP3-Format, das jeder mobile Player abspielen kann – ob Ipod oder Billig-Dudelkiste vom Kaffeeröster. Wem danach ist, der kann sich die Dateien auf CD brennen, auf einer externen Platte sichern oder auch per Mail an seine Freunde schicken. Ein Traum für jeden Musikfreund: Die Rückkehr der Freiheit.

Gibts nicht? Unrealistisch? Und vor allem: unprofitabel? Mitnichten! Das Online-Magazin Ars Technica veröffentlichte jüngst ein längeres Unternehmensportrait von Emusic. Wir lernen: Auch ohne DRM-Gängelei seiner Kunden kann man offenbar mit Musikverkauf Geld verdienen. Da kann sich die Musikindustrie noch so oft armrechnen, CD-Brenner und Tauschbörsen für den Niedergang ihres Berufsstandes verantwortlich machen und mit Lobbyistenscharen das Justizministerium belagern: Die These "Wer kopiert, kauft nicht", ist schlicht nicht zu halten.

Emusic ist im internationalen Vergleich die Nummer zwei hinter Apples Itunes-Store und verkauft seine rund eine Million Songs per Abo-Modell. FĂĽr monatlich knapp zehn Dollar darf man 40 Tracks herunterladen, 90 Dateien sind fĂĽr 20 Dollar zu haben. Abo hin, Abo her: Verglichen mit Itunes, Musicload und Co. ist Emusic der Aldi unter den Downloaddiensten.

Apropos Feinkost: Ähnlich wie bei den Albrecht-Brüdern ist auch das Emusic-Angebot begrenzt. Titel von Industrie-Interpreten sucht man vergeblich. Der Laden konzentriert sich ganz auf Genres jenseits des Massengeschmacks: Indie-Rock, Elektronik, Jazz und seit Neustem findet sich dort auch eine große Klassikabteilung.

Und jetzt wird es interessant: Genau aus diesem Grund kann die Industrie das Emusic-Konzept nicht einfach übernehmen. Die großen Musikkonzerne leben davon, möglichst viele Stückzahlen von möglichst wenig Produkten in einer möglichst kurzen Zeit zu verkaufen. Ein einziges One-Hit-Wonder mit einem Sommer-Ohrwurm ist den Herren in den Glaspalästen lieber, als 500 mäßig verkaufende Künstler, selbst wenn unterm Strich dieselbe Zahl stehen sollte. Musik wird nach diesem Modell wie jedes andere Industrieprodukt behandelt: Je höher die Stückzahlen, umso niedriger der Fixkosten-Anteil, umso größer der Gewinn. Wer nicht chartet, fliegt raus und landet auf dem Grabbeltisch.

Kleine Labels denken anders. Sie bauen Künstler auf und spekulieren auf die langfristige Treue ihrer Fans. Die meisten Indie-Produkte sind Longseller und finden auch nach Jahren noch Käufer. Das ist mühsam, aber es funktioniert: Während die Umsatzzahlen der Musikindustrie weiter wegbrechen, legen die Kleinen permanent zu.

Und hier kommt das Netz ins Spiel: Ebay ist bekanntlich deshalb so erfolgreich, weil es einen Marktplatz für Millionen Kleinverkäufer bereitstellt. Eine ähnliche Bühne bietet Amazon für zahllose Kleinstverlage. "The Long Tail" (Wikipedia (engl.)) nennt Wired-Redakteur Chris Anderson dieses neue Modell vernetzter Märkte, für dessen Plausibilität immer mehr Indizien auftauchen. Knapp formuliert besagt die These: Wenn du im Netz Geld verdienen willst, dann verkaufe wenig von Vielem statt viel von Wenigem. Oder auch: Vergiss alles, was du in den letzten 200 Jahren Industriewirtschaft gelernt hast.

Läden wie Emusic sind für den sich verändernden Markt gut aufgestellt. Es fehlen eigentlich nur noch Partnerschaften mit sozialen Netzwerken à la Last.fm, Pandora oder mit musikverrückten Communities wie Myspace.

Zurück zum Anfang: Kann man mit Musikdateien ohne Kopierschutz Geld verdienen? Klar. Kann die Musikindustrie das auch? Nein. Deshalb wird sie weiterhin klagen und jammern, uns fragwürdig berechnete "Brennerstudien" vor die Nase halten und jede Mix-CD zum Kapitalverbrechen erklären. Britney Spears und Ballermann 6 wird man also auf absehbare Zeit nicht ohne Kopierschutz kaufen können. Vielleicht ist das auch gut so. (wst)