Von WM-Tickets und elektronischen Judensternen
Die derzeit stattfindende Fußball-WM ist für die Verfechter der umstrittenen RFID-Technologie das erste öffentliche Anwendungsfeld gewesen. Hat ja gar nicht weh getan. In den USA wird bereits weitergedacht.
- Niels Boeing
Fußball-WM, pardon Fifa-WM 2026 in China: Seit Wochen haben die Medien in Sonderbeilagen die WM-Geschichte aufgearbeitet. Alle Schreiber sind sich darin einig, dass die WM 2006 in Deutschland ein Meilenstein in der Optimierung der WM-Turniertechnik war. Schieds- und Linienrichter kommunizierten damals erstmals per Headset. Die elektronischen Tickets mit RFID-Chips ebneten den Weg zu krawallfreien Stadien. Diese archaische Technik hat man nun beim Turnier bei der globalen Wirtschaftsmacht Nr. 1 hinter sich gelassen. Zuschauer in aller Welt mussten sich im Vorfeld der WM bei den regionalen Fifa-Büros akkreditieren und einen RFID-Chip in den Oberarm implantieren lassen, sofern sie nicht bereits einen solchen tragen. Damit werde endlich der vollautomatisierte Stadioneinlass möglich, lobt Fifa-Präsident Franz Beckenbauer, mit 81 Jahren so umtriebig wie eh und je...
OK, das klingt wie Sciencefiction der C-Movie-Qualität. Aber der Gedanke ist nicht ganz so weit hergeholt, wenn man den Vorschlag kennt, den Scott Silverman, Aufsichtsratsvorsitzender der VeriChip Corporation, kürzlich im rechtslastigen US-Sender Fox News Channel äußerte: Man sollte Einwanderern und Gastarbeitern einen RFID-Chip einpflanzen, um sie besser zu identifizieren zu können. VeriChip stellt solche implantierbaren Chips bereits her. Zielgruppe sind derzeit vor allem Senioren, deren persönliche Gesundheitsdaten auf diese Weise in medizinischen Notfällen sofort abrufbar sind – ganz gleich, ob der Träger das Bewusstsein verloren hat oder Angehörige gerade nicht erreichbar sind.
Nun wird uns seit einiger Zeit immer wieder erzählt, RFID-Chips seien die kommende Revolution der Warenlogistik. Denn die lassen sich berührungsfrei, mittels elektromagnetischer Induktion auslesen: Das Lesegerät erzeugt damit in der Spule des RFID-Etiketts einen Strom, der dessen Chip zum Senden der gespeicherten Warendaten veranlasst. Datenschützern und Bürgerrechtsorganisation, die vor einem möglichen Missbrauch dieser Technologie warnen, wird immer wieder versichert, die Missbrauchsszenarien seien konstruierrt und unwahrscheinlich. Niemand habe die Absicht, die Bürger mittels RFID-Technik auszuspionieren.
Nach Silvermans Äußerung wissen wir nun, dass diese Versicherung so viel wert sein wird wie Ullbrichts Diktum, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Es ist keine Übertreibung, diese Idee als Skandal zu bezeichnen. Die elektronische Fussfessel, die in Roland Kochs Hessen besonders beliebt ist, nimmt sich da wie eine lächerliche Vorstudie zu einer neuen Stufe der Überwachungsgesellschaft aus. Auch wenn Bezüge auf den Terror des Dritten Reichs inflationär geworden sind: Für mich kommt Silvermans Idee einem elektronischen Judenstern gleich, mag auch Silverman zuerst den Aktienkurs von VeriChip im Kopf gehabt haben. Man sollte zwar meinen, dass es kein deutscher Politiker wagen wird, Selbiges hierzulande vorzuschlagen. Aber schon die – mit den Erfahrungen des Dritten Reiches begründete – Trennung von Polizei und Geheimdiensten sowie von Polizei und Militär ist seit dem 11. September 2001 wiederholt zur Disposition gestellt worden. Die Schamgrenzen – fallen langsam, aber sicher.
Silvermans Vorschlag konterkariert auch die unausrottbare Meinung, Technik sei an sich neutral, sie könne eben immer zweckentfremdet und missbraucht werden. Zum einen würde es Silverman nie in den Sinn kommen, dass eine elektronische Kennzeichnung von Immigranten überhaupt ein Missbrauch sein könnte. Zum anderen ist die von ihm ins Spiel gebrachte Anwendung im Konzept der RFID-Chips, also datenfunkender Etiketten, immer mit mitangelegt – sie ist im “Anwendungsraum” natürlicherweise enthalten. Das Gerede von der Neutralität verschleiert nur den Blick auf eine solchen Anwendungsraum. Ich befürchte allerdings, dass Zeilen wie diese in den Wind geschrieben sind. Denn nach der WM werden die Leute sagen, wozu die ganze Aufregung um RFID in den Tickets, es hat ja niemandem geschadet. So erodiert der Rechtsstaat in der wundersamen Technisierung der Gegenwart – langsam, aber sicher. (wst)