Wie Google sich selbst demontiert

Googles Adsense-Programm ist auf dem besten Weg, sich vom Umsatzbringer zum Killer der eigenen Suchmaschine zu entwickeln. Geschäftemacher aus der Grauzone füllen ihre Taschen, das Nachsehen haben Nutzer und Inserenten.

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Von
  • Mario Sixtus

Knapp die Hälfte seines Umsatzes generiert der Google-Konzern mittlerweile über sein Adsense-Programm. Die Idee dahinter ist so simpel wie einleuchtend: Passend zum Inhalt einer Webseite blendet Google automatisiert möglichst relevante Werbeanzeigen ein und beteiligt den Seitenbetreiber an den Einnahmen. Eigentlich prima. Schwärmt ein Blogger beispielsweise von seiner letzten Reise nach Prag, finden sich neben diesem Reisetagebuch im Idealfall Textlinks zu Reisebuchungssystemen und Hotelanbietern in der tschechischen Kapitale. Der eifrige Reiseblogger verdient ein paar Euro, und seine Leser werden nicht durch Streuwerbung genervt, die mit dem Lesestoff nichts zu tun hat.

So weit die Theorie. Der Haken an diesem Spielchen: Google ist nicht nur Anzeigenlieferant dieser Seiten, sondern transportiert auch den größten Teil der Besucher dorthin. Herzlich willkommen im Dilemma: Was zunächst wie ein hübscher Synergieeffekt aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als klassischer Zielkonflikt. Der Erfolg der Suchmaschine Google hängt stark von der Qualität ihrer Treffer ab. Solange die Nutzer das finden, was sie suchen, kommen sie wieder. Auf den Adsense-Partnerseiten funktioniert die Mechanik ein wenig anders: Je weniger ein Netzwanderer dort das Gesuchte vorfindet, umso eher klickt er auf eine der Textanzeigen. Und: Nur Klicks bringen Umsatz. Der Werbekonzern Google profitiert somit absurderweise von den Irrläufern, welche die Suchmaschine Google auf die Partnerseiten schickt. Das nennt sich wohl Schizophrenie 2.0.

Längst haben Geschäftemacher dieses Prinzip erkannt und es sich zu Nutze gemacht: Tonnenweise schaufeln sie Seiten ins Netz, die Inhalte simulieren, statt sie bereitzuhalten. In Deutschland befüllt beispielsweise der Unternehmer Jörg Stengel sein "Aktuelles Lexikon" mit Textwüsten, welche den alleinigen Zweck haben, Surfer anzulocken, um diese dann möglichst schnell via Adsense-Links wieder loszuwerden.

Im Land der begrenzten Unmöglichkeiten ist man bereits drei Schritte weiter. Wer zu faul ist, sinnfreie, aber schlüsselwortreiche Textsteinbrüche aus seiner Tastatur zu klopfen, kauft einfach ein Paket von "150 Adsense Ready Websites" ein. Inhalt: 50.000 Seiten voller Suchmaschinenmist für knapp 100 Dollar. Die sehen dann beispielsweise so aus.

Wahrscheinlich ist jeder Suchende schon einmal genervt auf einem derartigen Buchstabenacker gestrandet. Bei manchen Schlüsselwörtern zeigt Google gar Seitenweise ausschließlich auf solchen hochoptimierten Nonsens.

Setzt sich dieser Trend fort, bildet sich eine Abwärtsspirale, auf der vor allem Google abwärtsschliddert. Auf der einen Seite wird die müllverstopfte Suchmaschine immer unattraktiver, andererseits dürften die Adsense-Preise einbrechen, denn die Anzeigenkunden werden die Massen der Frust- und Zufallsklicker nur äußerst schwer in Kunden verwandeln können. Schlechte Laune auf allen Seiten bedeutet, schlechte Geschäfte für alle Beteiligten. Das System gräbt sich selbst das Wasser ab.

Googles Erfolg auf dem Suchmaschinenmarkt basiert vor allem auf der cleveren Einbeziehung von Hyperlinks in die Relevanzbewertung. Links werden von Menschen gesetzt. Jeder Hyperlink kommt somit einer positiven Benotung durch ein menschliches Wesen gleich. Wenn Google im Rennen bleiben will, muss sich die Recherchehilfe auf diese alte Tugend besinnen und ihre Nutzer noch weiter ins System einbinden. Dienste wie Digg oder Techmeme können dabei als Inspiration dienen. Wie schnell man als Suchmaschine vom Star zum Museumsstück wird, dieses Lied können die Betreiber von AltaVista singen. In allen Strophen. Vielleicht sollte sich Google schon mal mit der Melodie vertraut machen. (wst)