Entmannt die Raumfahrt!

Astronauten sind im All keine Problemlöser, sie sind das Problem. Mit Sonden und Landerobotern ließen sich die unendlichen Weiten viel leichter erkunden.

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Von
  • Matthias Urbach

„Wir sind ja nicht mal in der Lage, eine Kartoffel ins All zu schießen.“ So klagte einst der an sich mächtige chinesische Revolutionär Mao Zedong, als er miterleben musste, wie Sputnik 1957 erstmals aus dem All piepste. Inzwischen will man eine Mondlandefähre ins All schießen, und gestern rückte der stellvertretende Chef des chinesischen Mondprogramms, Long Lehao, erstmals offiziell mit einem konkreten Datum heraus: 2024 soll der erste Taikonaut die Flagge in den Mond rammen.

Die Deutschen müssen nicht so lange auf Heldentaten warten, soll doch „unser Astronaut“ Thomas Reiter schon kommenden Monat mit dem Flug STS-121 des Space Shuttles und dem Container „Leonardo“ im Gepäck „als erster Europäer zu einer Langzeitmission auf der Raumstation ISS“ aufbrechen – und dort ganz wichtige Experimente mit der Schwerelosigkeit machen.

Gern reden die Astronauten und ihre Funktionäre über „Forscherdrang“ oder „Völkerverständigung“ und ähnlich hehre Ziele. Nicht so gern reden sie über Geld. Die Chinesen hauten allein zwei Milliarden Dollar auf den Kopf, um vor drei Jahren einen einzigen Taikonaut in den Erdorbit zu katapultieren. Und das Space Shuttle, das Thomas Reiter und sein Modul in den Orbit bringen soll, verschlingt pro Start stattliche 860 Millionen Dollar.

Beachtlich teuer ist auch die ISS selbst: Für acht Milliarden Dollar sollte die Station einst ins All gestellt werden, 1994 fertig sein. Heute ist sie noch immer eine Baustelle mit einer Rumpfcrew an Bord, und am Ende wird sie, obgleich kräftig abgespeckt, mehr als 100 Milliarden Dollar gekostet haben.

Etwa genauso viel, behauptet heute die Nasa, werde es kosten, bis 2018 noch einmal Amerikaner auf den Mond zu schieĂźen. Doch halten wir uns nicht lange mit der Frage nach dem letztendlichen Preis auf. Fragen wir lieber: Warum eigentlich?

Spötter sagen: Um nach der gelungenen Filmvorführung von 1969 schnell noch richtige Flaggen auf dem Mond zu pflanzen, bevor die Chinesen landen, um nachzusehen. Die Nasa sagt: Um den bemannten Flug zum Mars vorzubereiten.

Nicht dass ich daran zweifle, dass sich VerrĂĽckte finden, die sich fĂĽr den Anblick einer trĂĽben rostroten MarswĂĽste sechs Monate lang in einem kleinen Zwinger verstrahlen lassen. Doch sei die Frage erlaubt: Warum muss man ĂĽberhaupt noch Astro-, Kosmo- oder Taikonauten irgendwohin schicken?

Lassen wir uns nichts vormachen: Auf der Erde mag der Mensch die Maschine noch übertrumpfen, im All gleicht er einer fliegenden Ming-Vase. In den Sechzigern war der Raumfahrer vielleicht unverzichtbar – heute verfügt jedes Handy über genügend Rechenleistung, um einen Roboter zum Mars zu steuern. Bohrungen, Messungen, Gesteinsproben entnehmen, das alles gelingt den stählernen Gesellen mühelos. Sie sind unempfindlich gegen Kälte, fehlende Luft und mangelnde Gravitation – für Astronauten dagegen ist schon der schwerelose Stuhlgang knifflig.

Chinas strahlender Weltraumheld Yang Liwei war an Bord seines "Göttlichen Schiffes" praktisch blinder Passagier: Er durfte nur essen und schlafen. Die Kapsel war komplett ferngesteuert. Auch wenn die schönen Bilder anderes suggurieren: Raumfahrer sind im All keine Problemlöser, sie sind das Problem. Während Sonden bereits Bilder von den Rändern unseres Sonnensystems knipsen, bangen sie im Erdorbit um ihre Hitzekacheln.

Thomas Reiters Reise zur ISS mag schön für ihn sein, wissenschaftlich kommt dabei kaum was rum. Die allermeiste Forschung auf den Raumstationen Spacelab, Mir und nun ISS war und ist äußerst fragwürdig: Sie dient bloß der bemannten Raumfahrt selbst. In den USA mag man die Rückkehr zum Mondprogramm als eine Rückkehr zum früheren Pioniergeist feiern. Tatsächlich geht es wohl mehr um Imponiergeist – gegenüber den Chinesen. Und das ist genau der Trick: Sobald nur einer die Devise ausgibt, es gehe um die Ehre, traut sich keiner mehr, nach dem Preis zu fragen. Und der ist im Schnitt tausendmal höher, wenn ich einen Menschen mitnehme, als die Arbeit der Technik zu überlassen.

Höchste Zeit also, die Raumfahrt endlich zu entmannen. Mit Sonden, Weltraumteleskopen und Wegwerfraketen ließe sich das All erheblich schneller erkunden. Und es bliebe viel Geld übrig, um ein paar irdische Probleme zu lösen. (wst)