Schlüsselfertig

Kampf mit der Technik: Ich setze mich schnell ins Auto und schaue im Handbuch nach. Hoffentlich sieht das so aus, als warte ich auf jemanden...

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

"Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist nicht mehr zu unterscheiden von Magie", soll der Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke mal gesagt haben. Stimmt: Sowohl Magie, als auch moderne Hightech lässt einen gelegentlich am eigenen Verstand zweifeln. Nehmen wir den BMW 330i, voll gepackt mit Elektronik – ein Wunderwerk deutscher Autobauer. Einen solchen Wagen hatte die Redaktion zu Testzwecken (siehe das aktuelle Juli-Heft) bekommen. Das Auto verfügt über eine Komfortfunktion zum Türenöffnen und -schließen: Ich muss nicht mehr mühsam den Schlüssel zücken und auf ein Knöpfchen drücken oder gar den Schlüssel ins Schloss stecken und umdrehen. Nein, ich drücke am Türgriff an der richtigen Stelle – und die Zentralverriegelung lässt in allen Türen den Sperrpinökel nach unten surren. So weit, so gut. Aus Gewohnheit gehe ich noch mal um den Wagen herum und kontrolliere alle Türen. Ups, auf der anderen Seite geht die Vordertür wieder auf – und alle Pinökel fahren hoch.

Okay, noch mal: Türgriff drücken, Pinökel surren nach unten, diesseitige Türen sind zu. Auf der Gegenseite gehen sie aber schon wieder auf. Ich wiederhole die Prozedur noch zweimal – erfolglos. Verstohlen drehe ich mich um, ob jemand zusieht. Ich setze mich schnell ins Auto und schaue im Handbuch nach. Hoffentlich sieht das so aus, als warte ich auf jemanden. Ich stelle fest, ich habe alles richtig gemacht. Die ganze Nummer hat mich bis jetzt eine geschlagene Viertelstunde gekostet und lässt mich allmählich an meinem Verstand zweifeln.

Ich gehe zurück ins Büro (hoffe, dass inzwischen niemand das Auto klaut) und erzähle den Kollegen mein Dilemma. Ratlose Gesichter. Ich soll die BMW-Servicenummer anrufen. Kapitulation? Niemals. Ich gehe noch mal zum Auto, diesmal ohne Schlüssel, den brauche ich ja theoretisch nicht. Der BMW steht noch immer auf dem Parkplatz – bombenfest verschlossen, sicher und solide. Keine Tür geht auf. Also noch mal das Handbuch studiert. Des Rätsels Lösung findet sich in einem unschuldigen Nebensatz versteckt: Es reicht, wenn man den Schlüssel in der Tasche hat, dann entriegelt er die Türen beim Ziehen am Griff automatisch. Toll, das System denkt mit! Aber richtig intuitiv finde ich die Lösung nicht. Und warum bekomme ich diesen elementaren Hinweis nicht vom BMW-Mitarbeiter, warum muss ich ihn im Handbuch suchen? Wenigstens ist sowohl mit der Technik als auch mit meinem Verstand alles in Ordnung. Richtig beruhigend finde ich nur das Letztere. (wst)