Der Fluch des Präsidenten
Stellen wir uns vor, wir seien Archäologen einer fernen Zukunft auf der Suche nach dem Schatz des 21. Jahrhunderts. Was werden wir finden?
- Matthias Urbach
Gerüchte gab es schon länger. In verschiedenen Legenden wurde der „Doomsday vault“ erwähnt, der „Tresor des Jüngsten Gerichts“: Das „Paradies auf Erden“ solle sich verbergen in dieser „Grube im Gestein“. Wer das Geheimnis der „nordischen Insel“ berge, müsse nie mehr Not leiden, verheißen die alten Mythen aus der Plastikzeit. Ein internationales Archäologenteam folgt den Hinweisen bis nach Nordeuropa. Dort entdeckt man tatsächlich auf einer kleinen Insel vor dem Festland Strukturen, auf die die Beschreibungen zuzutreffen scheinen.
Als die Forscher mit Piktogrammen verzierte Platten auf edlen und superharten Metall entdecken, sind sie endgültig überzeugt, auf einen Schatz gestoßen zu sein. Leider lassen sich die Bilder nicht entschlüsseln. Mühsam graben die Archäologen den alten Schächten 500 Meter tief hinterher, bis sie unter Betondeckeln auf in Ton eingebettete Kupferfässer stoßen. Eine wissenschaftliche Sensation.
Die Forscher tun sich schwer, die robusten Fässer vor Ort zu knacken und schaffen zwanzig von ihnen an verschiedene Universitäten in ganz Europa. Die Enttäuschung ist groß, als man den Fässern nichts als verglasten Abraum entlockt. Plötzlich werden die Studien von rätselhaften Todesfällen unter den Forschern überschattet...
Die Archäologen in diesem kleinen Zukunftsszenario haben Pech: Statt in Spitzbergen fündig zu werden, buddeln sie dummerweise auf einer Insel vor der Westküste Finnlands. Statt auf die internationale Saatgutbank des Global Crop Diversity Trusts zu stoßen, von ihren Erbauern augenzwinkernd „Tresor des Jüngsten Gerichts“ genannt, verirren sie sich in das finnische Atommüllendlager Olkiluoto.
Sicher hätten ihnen die gesammelten Saatgutschätze des 21. Jahrhunderts helfen können, doch nun halten sie den tödlichen Müll des untergegangenen Plastikzeitalters in den Händen. Und entdecken unverhofft das physikalische Phänomen der Radioaktivität – ein tödliches Geheimnis, ein echter „Fluch des Pharaos“. Weitaus gefährlicher als ein Schimmelpilz jemals werden kann: Der „Fluch des Präsidenten“.
Ob die Menschheit nach einer Katastrophe noch von ihren Hinterlassenschaften weiß, ist völlig ungewiss. Schon Anfang der Achtziger hatte das US-amerikanische Energieministerium den Zeichentheoretiker Thomas Sebeok auf dieses Problem angesetzt. Die Sorge galt dem geplanten Endlager für Atommüll, der über Zigtausende von Jahren hochradioaktiv bleibt. Obwohl die Beamten damals nur eine Lagerzeit von 10.000 Jahre vorgaben, verwarf Sebeok schnell die Möglichkeit, Warntafeln mit ausgefeilten Texten oder besonders intuitiven Piktogrammen aufzustellen – einfach weil die Geschichte nahe legt, dass sich Sprachen und Symbole nicht besonders lange tradieren.
Der Vorschlag allerdings, mit dem Sebeok aufwartete, kostete ihn damals fast seinen Ruf: Er empfahl die Gründung einer „Priesterschaft“, die nichts anderes zu tun hätte, als das Wissen um die radioaktive Gefahr zu überliefern und die „Inschriften auf den neuesten Stand zu bringen“. Aus Europa kamen noch phantastischere Vorschläge: Man solle Blumen oder Katzen genetisch so verändern, dass sie bei Radioaktivität ihre Farbe verändern, und diese Eigenschaften in Sagenform kulturell verankern. Eine praktikable Antwort blieb uns Sebeoks Zunft bis heute schuldig.
Dass nach einer klimatischen Katastrophe, nach Kriegen oder gewaltigen Epidemien ein Zivilisationsbruch folgen könnte, ist nicht unwahrscheinlich. Viele Getreidesorten, die einmal im „Doomsday vault“ in Spitzbergen lagern sollen, halten deutlich länger als das Reich der Römer oder der Sumerer.
So ist der „Tresor des jüngsten Gerichts“ ein ehrenwerter Plan, deren Charme bedauerlicherweise etwas darunter leidet, dass wir der Nachwelt auch weniger segensreiches Material hinterlassen. (wst)