Und noch 'n Aufreger

Das Unternehmen PayPerPost will Blogger für Produktwerbung bezahlen. Der Ausverkauf der Blogosphäre? Ach was!

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Von
  • Mario Sixtus

Mein Freund U. ist seit einiger Zeit freiberuflicher Finanzberater. Er lebt davon, Zeitgenossen ein buntes Allerlei aus Sparverträgen, Aktienfonds und Lebensversicherungen zu verkaufen. Wobei der erste Satz nicht mehr ganz richtig ist, denn im Laufe der letzten Monate habe ich U. mehr oder weniger zwangsläufig von einem Freund zu einem Bekannten degradiert.

Der Grund für diese Herabstufung und die damit verbundene Senkung der Verabredungsfrequenz ist simpel: Ob Grillparty, Kinobesuch oder Kneipensitzung, irgendwie schafft U. es immer, das Gesprächsthema in eine Richtung zu lenken, die man getrost als verkaufsvorbereitend begreifen darf. Das nervt. Wenn in unserer durchkommerzialisierten Welt einer der wenigen verbliebenen Privaträume mit Reklamesprech abgefällt wird, ist es Zeit, die Reißleine zu ziehen. Tschüss, U.

Daran musste ich denken, als ich jüngst von PayPerPost hörte. Das Unternehmen bezahlt Blogger dafür, über bestimmte Produkte zu schreiben und das, so wie ich die Konditionen verstehe, ohne eine Kennzeichnungspflicht für diese Postings zu verlangen. Dagegen wirkt die Aufregung im deutschen Blogdorf über ein paar Opel-Blogger geradezu hinterwäldlerisch.

Aber auch im Land der begrenzten Unmöglichkeiten gibt es entsetzte Stimmen über das latent zynische Geschäftsmodell.

Ich bleibe gelassen. Die sozialen Regeln in der Online-Welt unterscheiden sich nicht großartig von denen im Meatspace: Wer permanent über irgendwelche Produkte und Dienstleistungen schwätzt, führt irgendwann nur noch Selbstgespräche, weil sein Publikum längst genervt abgewandert ist. Sicherlich wird es einige Blogger geben, die der Versuchung nicht widerstehen können, ein wenig Taschengeld aus ihrer Tastatur herauszuklopfen.

Und genauso sicher werden diese ĂĽber kurz oder lang unter Ausschluss der Ă–ffentlichkeit bloggen. Und PayPerPost wird dort landen, wo bereits die endneunziger Kassiere-Geld-fĂĽrs-E-Mail-lesen-Start-Ups endgelagert wurden: im Internet-Flop-Museum. FuĂźnote: Auch U. habe ich nie etwas abgekauft. (wst)