Auch Fahrräder wollen parken

Eine kleine Initiative zu FuĂźball-WM zeigt: Es braucht nicht immer groĂźe Ideen. Manchmal muss man nur mitdenken.

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  • Matthias Urbach

Manchmal geht es nicht um große Visionen, um blendende Innovationen. Um ausgefeilte Antriebe gar oder biogene Kraftstoffe. Es geht einfach darum, daran gedacht zu haben. Nehmen wir die Fußball-WM. Vorab waren die Zweifel groß. Vielfach wurde das „Verkehrschaos“ in der Hauptstadt prognostiziert, wenn dort erst Fanmeile, WM-Spiel im Olympiastadion und diverse andere Veranstaltungen zusammentreffen.

Es wurde gebrütet über Autoparkplätze, Bahnanbindungen und Busrouten. Ans Fahrrad dachte niemand. Weder Beckenbauers perfekte Fifa-Organisationsmaschine noch der Berliner Senat.

Nur eine dachte daran: Ulrike Saade, freie Beraterin und langjährige Fahrradaktivistin. Und rannte offene Türen ein. Beim Senat wie bei der Fifa. Denn dass das Fahrrad bei Großveranstaltungen den Verkehr entlasten kann, ist den Schlaueren unter den Planern längst bewusst. Trotzdem brauchen sie zuweilen offenbar einen Anstoß.

Inzwischen ist Saades bewachtes Fahrradparken Teil der Senatskampagne „Berlin steigt um“ – und ist, soviel kann man schon vor dem Finale sagen, ein großer Erfolg. An den großen Veranstaltungsorten wurden insgesamt 2.000 Fahrradparkplätze eingerichtet, wo man sein Rad wie an einer Theatergarderobe abgeben kann und sich keine Sorgen mehr um Diebe machen muss. Und die Fußballfans nutzen es fleißig. Als kleiner Service werden die Rädern auch noch durchgecheckt.

Die Sache war nicht mal teuer: Die transportablen Bügel kosten 30 Euro das Stück, Wache und Service besorgen Jugendliche in sogenannten Berufsqualifizierungsmaßnahmen. Damit auch wirklich Radfahrer angelockt werden, erstellte Saade einen Fahrradplan, auf dem alle Fahrradparkplätze eingezeichnet und zusätzlich die besten Straßen für Radfahrer hervorgehoben sind – anstelle der Stadtautobahn. Dank Sponsoren konnte der Plan kostenlos verteilt werden.

Saade, die eine eigene Agentur velokonzept betreibt, ist überzeugt: Um den Anteil des Fahrrades am Verkehr zu verbessern, muss man auch „was fürs Image tun“. Ihr Konzept scheint aufzugehen.

Die Idee vom bewachten Fahrradparken kommt aus Holland, wo sie an Bahnhöfen üblich ist. Auch in NRW sind solche Radstationen inzwischen sehr verbreitet. Sie sind eine anerkannte Methode, etwa Berufspendlern das Radfahren zu erleichtern. Wer kennt nicht den Ärger, wenn einem das Rad geklaut oder demoliert wird.

Einen Bezirk Berlins hat Ulrike Saade übrigens nicht überzeugen können, Radparken einzurichten: Treptow-Köpenick. Die Popkick im Treptower Park hätte gern ihren Besuchern Anschlussbügel von Saade zur Verfügung gestellt, durfte aber nicht. Etwa 15.000 Besucher sahen dort das Viertelfinale Argentinien-Deutschland auf der Großleinwand. Wer sicher parken wollte, fühlte sich verloren wie ein Autofahrer in der Innenstadt. Am Ende hingen die Fahrräder teilweise in den Bäumen.

Aber die Beamten von Treptow-Köpenick sind nicht die einzig Bornierten. Auch die Deutsche Bahn AG stellte sich mit ihrem jüngsten Bau in Berlin stur und überhörte die Wünsche der Radfahrer. Hartmut Mehdorn eröffnete im Mai stolz seinen hypermodernen riesigen Kreuz-Hauptbahnhof – ohne eine Fahrradstation. Eine Tiefgarage mit 900 Autostellplätzen gibt es natürlich. Wie wenig modern und weltstädtisch diese Fixierung aufs Auto ist, demonstrieren dem eingleisigen Bahnchef nun Ulrike Saade, der Berliner Senat und die Fifa. (wst)