Winzwellen

Es gibt technologische Tendenzen, die nicht einfach auf eine Verbesserung oder das Schwinden schlechter Technik hin verlaufen, sondern die sich zyklisch wiederholen.

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Von
  • Peter Glaser

Eine dieser merkwürdigen Gezeiten betrifft Bedienelemente. Mitte der siebziger Jahre kam die erste Armbanduhr mit eingebautem Taschenrechner auf den Markt. Das Tastatürchen war zu klein für grobe Menschenfinger. Um Eingaben vorzunehmen, gab es eigens einen kleinen Metallstift. Als in den Achtzigern Musikanlagen, Videorekorder etc. schlanker wurden, galt es bei den Herstellern als schick, die Knöpfe mitzuverschlanken. Berüchtigt waren die sogenannten Mäuseklaviere, winzige Dip-Schalter im Inneren der ersten Matrixdrucker-Generationen. Währenddessen sahen Fernbedienungen mehr und mehr aus wie in Plastik nachgeformte Gänsehaut - Kaskaden winziger Gumminoppen, zum Teil noch klappbar auf zwei Ebenen untergebracht.

Der zunehmende Widerstand der Konsumenten Ende der achtziger Jahre führte nach der Dekadenz des Downsizing zu einer Art Rightsizing. Plötzlich gab es wieder Fernbedienungen mit Knöpfen, die so groß waren, dass eine Fingerkuppe draufpasste. Parallel dazu hatte im Computersektor eine Revolution stattgefunden. Statt komplizierte Kommandos über die Tastatur einzugeben, kam mit dem Macintosh das Prinzip der Ein-Knopf-Bedienung ins Rollen: die Maus, ein rundlicher, handlicher großer Knopf, von Commandline-Traditionalisten als fahrbare Hilfe-Taste verspottet, trat ihren Siegeszug an.

Die ergonomische Ekstase währte nur kurz, da auch virtuelle Tasten zu klein sein können. Das überwunden geglaubte Gefrickel feierte im Winzgedränge von Klickbuttons und “Schaltflächen” unfrohe Urständ. Kaum entdeckt man ein kommod bedienbares Gerät und schöpft Hoffnung, kommt ein Hersteller von MP3-Playern oder Digitalkameras auf die Idee, die Verkleinerung von Knöpfchen bis an die Sichtbarkeitsgrenze weiter voranzutreiben.

Manchmal scheint es, als gäbe es eine durchgedrehte Version des Ingenieurgeistes, die vor Stolz glüht, weil man inzwischen Digitaluhren bauen könnte, die so klein wären, dass kein Mensch mehr die Uhrzeit ablesen oder sie bedienen kann. Diese Art von Ingenieur kann einfach nicht verstehen, weshalb man das Machbare nicht auch macht und sich von so unbedeutenden Dingen wie Fingern zur Stagnation zwingen läßt.

Der wirklich innovative durchgedrehte Ingenieur macht sich deshalb nicht nur Gedanken über die Verkleinerung der Uhr, sondern auch, ob es die Fortschritte der Gentechnik bald erlauben, der menschlichen Hand ein Sträußchen Mikrofinger hinzuzuzüchten, die das Skalierungsproblem bei der Bedienung beheben. Gerade hat die koreanische Firma LG Electronics im Vorfeld der IFA ein Handy in Scheckkartengröße vorgestellt.

Mobiltelefone eiern seit langem in Grenzbereichen zwischen Miniaturisierung und Unbenutzbarkeit hinundher. Inzwischen sind die Geräte manchmal schon so klein, dass man Angst hat, sie einzuatmen. Hier sollte konsequenter Weise jenes Konzept zum Einsatz kommen, das sich Smart Dust nennt - Computer in Partikelgröße. Telefonie zum Inhalieren. Und das Ziel der Technik muß ebenso konsequent sein, die Bedienelemente nicht noch frickeliger zu gestalten, sondern mitsamt der ganzen Hardware ganz zum Verschwinden zu bringen. Die Hardware muß verschwinden, die Funktionen bleiben. (wst)