Nordkorea? Nein, Europa
Während die Raketentests in Fernost Nato und Vereinte Nationen beunruhigen, untersucht ein britischer Report das Risiko einer Katastrophe mit Nuklearwaffen auch im friedlichen Europa.
- Niels Boeing
Mitten in die Fußball-Party und den Streit um die Gesundheitsreform platzt eine beunruhigende Nachricht: Nordkorea hat sieben Testflüge seiner Langstreckenraketen gestartet, mit denen es im Prinzip nukleare Sprengköpfe in weite Teilen Ostasiens schicken kann. Richtig, da war noch was: Rund um den Globus gibt es immer noch ein beträchtliches Arsenal an Atomwaffen, die auch anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges nicht verschwunden sind.
Dass die aber nicht nur auf Trägerraketen eine ungeheure Gefahr darstellen, belegt ein Bericht des britischen Verteidigungsministeriums, dessen Geheimhaltungsstufe jetzt zurückgestuft wurde. Der New Scientist zitiert aus dem Dokument, dass ein schwerer Verkehrsunfall bei den üblichen Transporten von Trident-Sprengköpfen auf dem Wege zur Inspektion durchaus zu einer partiellen Explosion und radioaktiver Verseuchung führen könnte. Auch sei es denkbar, dass ein solcher Transport von terroristischen Gruppen gezielt angegriffen werden könnte. Das Risiko schätzen die britischen Fachleute auf 2,4 zu einer Milliarde im Laufe eines Jahres – im Militärjargon gilt das als „tolerabel“.
Wir kennen solche Zahlenspielereien. Der GAU eines Atomkraftwerks wurde jahrelang ebenfalls mit solchen nichtssagenden Wahrscheinlichkeiten beziffert, bis die Reaktorunfälle von Harrisburg und Tschernobyl passierten.
Aber um die Konsequenzen eines Unfalls mit Sprengköpfen abzuschätzen, sollten wir nicht nur nach Tschernobyl, sondern auch zum Bikini-Atoll im Pazifik schauen. Dort wurde vor 60 Jahren der erste von insgesamt 23 US-amerikanischen Atomtests auf der Insel gezündet (der Erfinder des Bikinis, der in diesen Tagen gefeiert wird, hatte sich übrigens durch den Test zu dem Namen für den revolutionären Damen-Zweiteiler inspirieren lassen).
Die Einwohner wurden damals freundlicherweise evakuiert. Aber das Gebiet ist bis heute nachhaltig verstrahlt, die Bomben hatten eine bis zu 1000 Mal größere Sprengkraft als die Hiroshima-Bombe. An der Verstrahlung hat auch die Neubepflanzung des Atolls durch die Amerikaner nach dem Ende der Tests nichts geändert. Das langlebige radioaktive Caesium 137 hat sich im Boden angereichert und gelangt von dort unter anderem auch in Kokospalmen. An eine Wiederbesiedlung ist nicht zu denken.
Forscher am Lawrence Livermore National Laboratory in Berkeley glauben nun, eine Lösung für das Problem gefunden zu haben: Düngt man den Boden mit Kalium, verringert sich die Caesium-Aufnahme von Kokospalmen auf ein Zwanzigstel der derzeitigen Menge, und das über zehn Jahre. Damit wollen sie die Ex-Insulaner davon überzeugen, dass eine Wiederbesiedlung doch möglich sei – was diese dankend abgelehnt haben.
Ob der Ansatz naiv oder zynisch ist, sei dahingestellt. Übel ist daran eine Denkweise, die immer noch glaubt, selbst die Folgen einer nuklearen Katastrophe seien irgendwann technisch in den Griff zu bekommen. Echtes End-of-Pipe-Denken eben, das gut zu Planspielen des Pentagons für einen eng lokalisierten Einsatz von Atomwaffen passt – irgendwo in Asien. Auch das Bikini-Atoll ist weit, weit weg gewesen.
Aber der britische Report erinnert uns daran: Eine Katastrophe mit Nuklearwaffen ist auch im friedlichen, saturierten Europa immer noch möglich – und zwar auch ohne irgendwelche Schurken. (wst)