Wenn das Netz mit dem Schwanz wackelt
Chris Andersons Wirtschaftsthese vom "Long Tail" liegt jetzt auch in Buchform vor. Ein Abgesang auf den Massengeschmack.
- Mario Sixtus
"Wir haben heute mehr Bücher verkauft, die sich gestern überhaupt nicht verkauft haben, als wir heute Bücher verkauft haben, die wir auch gestern verkauft haben", zitiert die freie Enzyklopädie Wikipedia in ihrem Artikel zum Long-Tail-Phänomen einen ehemaligen Mitarbeiter des Buchversenders Amazon. Alles klar, oder? Ende 2004 setzte der Wired-Redakteur Chris Anderson in einem längeren Text den Langer-Schwanz-Begriff in die Welt; jetzt hat er seine Theorie in ein lesenswertes Buch gleichen Namens gepackt. ("The Long Tail", Hyperion, ISBN 1401302378).
Andersons Kernaussage ist so simpel wie revolutionär: Dank Digitalisierung und vernetzter Kommunikation übersteigt der summierte Umsatz in Nischenmärkte den des Massenmarktes. Oder kürzer: All die vielen Nicht-Hits verkaufen zusammen mehr als die wenigen Hits.
Mittlerweile hat sich die Idee zu einem Mem erster Güte gemausert. Ob Blog-Links oder Website-Besucher: Allerorten werden neuerdings lange Schwänze gesichtet.
Recherchefaulheit kann man Anderson nicht vorwerfen. Sein Werk wimmelt von Zahlen und Fakten aus unterschiedlichen Branchen, die allesamt den gleichen Trend zeichnen: Das Zeitalter der Hits ist vorüber. Die Zukunft findet in Nischen statt. Allerdings wohl noch nicht so ganz. Andersons Schwanengesang auf die Ära der Bestseller ist nämlich selbst einer: Amazon.com listet sein Buch momentan auf Verkaufsrang 21. Tendenz: steigend. Will uns das etwas sagen? ;-) (wst)