Wer zahlt die Kernkraft?

Die Britische Regierung will neue Kernkraftwerke, doch zahlen soll allein die Industrie. Das wird nicht aufgehen.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Matthias Urbach

Nun ist es also raus: Großbritannien braucht neue Kernkraftwerke – das jedenfalls ist die Meinung der Regierung von Tony Blair. Dessen Handelsminister Alistar Darling stellte gestern vor dem Parlament das neue Energiekonzept vor. Die Atomkraft solle „einen deutlichen Beitrag leisten“ – allerdings solle „die Privatwirtschaft neue Kraftwerke planen, finanzieren, bauen und betreiben und den Abriss sowie ihren vollen Anteil an der Endlagerung zahlen“.

Zur Zeit liefern die britischen Meiler etwa ein Fünftel des Stroms. Zwar hatte Großbritannien formal gar keinen Ausstieg beschlossen, aber seit 18 Jahren wurde kein Meiler mehr neu gebaut. Die meisten Kraftwerke nähern sich dem Ende ihrer 40jährigen Betriebsgenehmigung. In 20 Jahren würde demnach nur noch ein Reaktor in Betrieb sein – was praktisch dem deutschen Ausstiegsbeschluss entspricht.

Als Grund für neue Kernkraft führt die Labour-Regierung in ihrer UK Energy Review nun an, nicht in Abhängigkeit von Energieimporten geraten und das Klima schützen zu wollen. Interessanterweise sind im Vereinigten Königreich neben Grünen und Liberaldemokraten auch die Konservativen gegen die Kernkraft: Sie sehen die Atomkraft nur als „letzten Ausweg“.

Sie wissen warum: Dass die Privatwirtschaft die Kernenergie allein finanzieren möge, ist nämlich ein frommer Wunsch Labours. Bislang werden die britischen Meiler von mehr oder weniger staatlich kontrollierten Unternehmen betrieben – und sind recht ineffizient. British Energy, die Firma, die die moderneren Meiler betreibt, ging 2004 beinahe Bankrott und musste mit staatlichen Geldspritzen von mehr als 4,5 Milliarden Euro aufgepäppelt werden. Zwar haben die französische staatliche EdF und der deutsche (private) Stromkonzern Eon bereits Interesse angemeldet, im Königreich neue Meiler zu errichten – doch der finanzielle Rahmen wird stimmen müssen.

Auch in Deutschland und Frankreich sind Atomkraftwerke keine wirklich lohnende Sache. Überall in der Welt stammen die Reaktoren zumeist aus einer Zeit, als die Energiekonzerne noch monopolistisch strukturiert waren. Zwar kommt ein Atommeiler einer Gelddruckmaschine gleich, ist er erst einmal abgeschrieben. Doch der Bau ist eine riskante Investition: Ein typischer 1-Gigawatt-Reaktor kostet 2 Milliarden Dollar und erfordert mindestens fünf Jahre Bauzeit – oft dauert es länger, was erheblich ins Geld gehen kann. Ein vergleichbares Gasheizkraftwerk kostet nur ein Viertel und steht in weniger als zwei Jahren. So warnt etwa das Massachusetts Institute of Technology, dass neue Atommeiler ohne Subventionen nicht möglich sind.

In Finnland zeigt sich gerade wieder, wie schwierig es ist, einen Meiler fristgerecht fertig zu stellen: Gestern erklärte der Betreiber TVO, dass sich der Bau um ein Jahr verzögere, weil es Probleme mit den Berechnungen und dem Beton gibt. Vielleicht hätte TVO den Meiler nie gekauft, hätte ihm das deutsch-französische Konsortium Areva NP (früher Framatome) nicht einen Festpreis von 3 Milliarden Euro garantiert. Der Grund für das Discountangebot: Areva NP wollte unbedingt ein Referenzmeiler haben, um seinen EPR besser vermarkten zu können. Der EPR wäre auch einer von drei Kandidaten für neue britische Meiler.

Natürlich hängt die MIT-Vergleichsrechnung stark von den Gaspreisen ab. Aber kaum ein Energieinvestor glaubt derzeit daran, dass die Preise auf Dauer so hoch bleiben werden wie heute. Gleichzeitig sieht auch Blairs Energy Review die Förderung kleiner energieeffizienter und klimaschonender Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) vor. Diese Anlagen gibt es inzwischen auch als Kleinstkraftwerke – sogenannte „Micropower“ die bereits ein Einfamilienhaus mit Wärme und Strom versorgen kann.

Micropower (ob mit Gas oder Biomasse) könnte Stromerzeugung schon bald zu einem Consumer-Produkt machen, das man im Baumarkt kaufen kann. Eine technische und ökonomische Revolution von unten – und das genaue Gegenteil der zentralistischen Kernkraft. Um es mit dem amerikanischen Energieeffizienz-Papst Amory Lovins zu sagen: „Dinge, die aussehen wie Handys verbreiten sich schneller, als Dinge die wie Kathedralen aussehen.”

Tony Blair mag gestern die Tür für die Atomkraft aufgeschlossen haben. Ob sie sich öffnet, steht in den Sternen. Fest steht nur: Für neue Atommeiler wird das Königreich erhebliche Subventionen bereithalten müssen. Und das ist dort extrem unpopulär. (wst)