Solarstrom aus der Sahara, Wasserkraft aus Skandinavien
Eine Studie hält bis 2050 einen Ökostrom-Anteil von 80 Prozent für realistisch. Sogar günstiger als Kohle- und Atomenergie wäre dieser Mix. Aus unerfindlichen Gründen fristet das brisante Papier selbst beim Auftraggeber ein Schubladen-Dasein.
- Mario Sixtus
"Bundesumweltminister Sigmar Gabriel beginnt Sommerreise durch Nationale Naturlandschaften", lautet die Überschrift der neuesten Pressemeldung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Minister Siegmar Gabriel will in den nächsten Wochen "einige der schönsten und wertvollsten Landschaften Deutschlands bereisen", erfährt der Wähler.
Während der ehemalige Popmusik-Beauftragte der SPD und jetzige Bundesumweltminister sich zwischen Wattenmeer, Schaalsee und Pfälzerwald an der Schönheit der Natur erfreut, wildert Kabinettskollege Michael Glos (Politikerspott: der Problembär) fröhlich in dessen Ressort. Kurz vor Beginn des G-8-Gipfels diktierte Glos Medienvertretern sein Bekenntnis zur Atomenergie in den Block. Fast alle anderen G-8-Mitglieder setzten zu Recht auf den Einsatz von Kernenergie, findet Michael Glos. Kurz- und mittelfristig reichten erneuerbare Energien als Ersatz für Atomkraftwerke nicht aus. Die aktuell rasant gestiegenen Öl- und Gaspreise zeigten, wie recht die anderen G-8-Länder mit ihrer Politik hätten, so Glos.
Das übliche Mantra der Atomlobby: Erneuerbare Energien gut und schön, aber ohne Kernenergie geht gar nichts. So simpel diese Melodie gestrickt ist, so wacker stimmen die Kernspaltungsfreunde sie rechtzeitig zu jeder Energiepreiserhöhung an. Stets mit im Chor dabei: Roland Koch, der nicht müde wird, von einem "Energiemix" zu schwärmen, in dem die Kernkraft dann eine dominierende Rolle spielen soll. Neue Kraftwerke inklusive.
Von einem Energiemix handelt ebenfalls die Studie Trans-CSP (Zusammenfassung als PDF), die das bundeseigene Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) bereits Anfang Juni dieses Jahres veröffentlichte. Was dem Lobbyisten-Chor wenig gefallen dürfte: Kernenergie taucht in diesem Mix überhaupt nicht auf. Bis 2050 wäre ein Anteil von 80 Prozent Ökostrom möglich, sagen die Forscher.
Der Trick: Statt den Blick in die Zukunft durch die Grenzen der EU oder gar des eigenen Nationalstaats einengen zu lassen, beziehen die Fachleute des DLR und ihre internationalen Forschungspartner kurzerhand den Nahen Osten und den Norden Afrikas in ihr Szenario mit ein:
"Eine nachhaltige Elektrizitätsversorgung in Europa (EU) kann zu großen Teilen auf heimischen erneuerbaren Quellen und dem Import von Solarstrom aus dem Mittleren Osten (englisch: Middle East ME) und Nordafrika (NA) aufgebaut werden. (...) Die Übertragung von Solarstrom von MENA nach Europa im Rahmen einer Energiepartnerschaft oder einer Freihandelszone für erneuerbare Energien kann das Verständnis einer gemeinsamen EUMENA Region voranbringen und (...) in eine Gemeinschaft für Energie-, Wasser- und Klimasicherheit münden."
In sonnenreichen Ländern wie Ägypten, Marokko oder Saudi-Arabien sollen große Solarstromanlagen die Energie in ein gemeinsames Netz speisen, ebenso wie Windkraftwerke an der Atlantikküste und am Roten Meer. Abgerundet wird der Mix durch Wasser-, Biomasse- und geothermische Kraftwerke, die allesamt ein Hochspannungs-Gleichstromnetz füttern, das auf einer 3.000-Kilometerstrecke Leitungsverluste von weniger als 15 Prozent verspricht. Hocheffiziente Erdgasanlagen sollen lediglich die Spitzenlasten im Netz abfedern. Das Ergebnis: Der Ökostrom-Mix, der zwischen Nil und Nordkap zirkuliert, wäre mit fünf Cent je Kilowattstunde bereits im Jahre 2020 günstiger, als Energie aus Kohle- oder Atomkraftwerken, sagen die Wissenschaftler.
So revolutionär dieses Konzept klingt: Die Forscher halten es für realistisch. Wo also sind die Lenkungs- und Planungsausschüsse der Politik, die sich mit der politischen Realisierbarkeit der gleichsam ökologisch und ökonomisch faszinierenden Idee befassen?
Das fragt man sich um so mehr, wenn man einen Blick auf den Auftraggeber der brisanten Studie wirft: Das Ministerium von Wattwanderer Sigmar Gabriel hatte die Untersuchung dereinst angestoĂźen und finanziert. Das Ergebnis war dem Umweltministerium dann noch nicht einmal eine Pressemeldung wert. Und auch die Medien haben die bahnbrechende Idee bislang weitgehend verschlafen.
Bleibt zu hoffen, Minister Gabriel habe das Papier in seinem Sommerreisegepäck dabei und er findet vielleicht in den "Nationalen Naturlandschaften" ein paar Minuten Zeit, darin zu schmökern. Genug Munition, um den Kernkraft-Chorknaben das Maul zu stopfen, findet sich allemal darin. (wst)