Web 2.0 und der Krieg in Nahost

"We The Media" lautet ein Credo der neuen Gegenöffentlichkeit im Web. Doch die unabhängige Berichterstattung über den Krieg im Libanon bleibt hinter den Möglichkeiten des Online-Journalismus ebenso zurück wie die etablierte Konkurrenz.

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Von
  • Niels Boeing

„We The Media“ betitelte Dan Gillmor 2004 sein Buch über Netizens, die zum Beispiel mittels Blogs eine Gegenöffentlichkeit zum großen Mediengeschäft schaffen - ein Aspekt der neuen Welle des Web 2.0. Das ist schwer idealistisch und durch und durch sympathisch. Und doch ist es immer noch ein Hype. Welch weiten Weg der digitale Bürgerfunk als Massenerscheinung – denn das postuliert Gillmors Titel – noch vor sich hat, zeigt für mich die im Juni gestartete „Readers Edition“ der Netzeitung, in der User versuchen, eine eigene Online-Zeitung auf die Beine zu stellen.

Vor neun Tagen drangen israelische Truppen in den Südlibanon ein, um zwei von der Hisbollah entführte israelische Soldaten zu befreien. Seitdem spitzt sich die Situation täglich zu, und ein Flächenbrand in Nahost mit globalen Auswirkungen wird immer wahrscheinlicher. Doch in der Readers Edition fand dieser Konflikt zunächst überhaupt nicht statt. In der Rubrik „Politik + Lokales“ tauchte der erste Artikel zum Thema vorgestern auf, gestern folgte ein zweiter. Zwar versucht der eine, die Hintergründe des Konflikts darzulegen. Aber über Wikipedia-Niveau kommt er dabei nicht hinaus. Wer die Liste der aktuell wichtigen Schlagwörter der Readers Edition studiert, findet ganz am Ende „Beirut“ – auf Platz 40.

Die Journalisten mögen zwar eine umstrittene Zunft sein, kurzatmig und bei der Themenauswahl immer mit einem Auge auf die Konkurrenz schielend. Aber ihr Radar und ihre Professionalität funktionieren. Was in Jahrzehnten an Handwerk und Infrastruktur wie Korrespondentennetzen entwickelt wurde, holen enthusiastische und ehrenamtliche Nutzer nicht in wenigen Monaten auf. Eine Zeitung auf hohem Niveau lässt sich offenbar noch nicht nach dem Motto „Global denken – lokal handeln“ von Laien realisieren, die frei von Auflagendruck und Ideologien schreiben können. Denn die leben in Berlin oder Bückeburg und eben nicht in Beirut.

Sicher gibt es seit Jahren etwa eine User-Zeitung wie Indymedia, wo Berichte aus aller Welt zu aktuellen Ereignissen gepostet werden, so auch zum aktuellen Libanon-Krieg. Aber hier schreiben Interessierte für Interessierte – also eine Minderheit für sich selbst. Das macht die Sache nicht schlechter, aber es hat noch nichts mit Gillmors These „We The Media“ zu tun. Einmal ganz abgesehen davon, dass auch auf Indymedia, mangels Redaktion, immer wieder zweifelhafte Beiträge aufgetaucht sind, die man durchaus als antisemitisch einstufen kann.

Für die etablierten Medien ist dies dennoch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Denn auch sie haben in ihren Online-Ausgaben noch nicht annähernd die Möglichkeiten des Netzes ausgelotet. Wer etwa auf Spiegel online einen Artikel zum neuen Krieg im Nahen Osten aufruft, sucht vergeblich nach sorgfältig aufbereitetem Kontext-Material. Nicht einmal eine Chronologie der Ereignisse aus den letzten neun Tagen gibt es, geschweige denn eine Einordnung des aktuellen Krieges in die Geschichte des Nahostkonflikts in den vergangenen 100 Jahren, seit die Bewegung des Zionismus zur Gründung eines Staates Israel aufrief. Da bleibt am Ende doch nur die Suche in Google oder Wikipedia - das gilt im übrigen auch für Indymedia.

Aber die etablierten Verlagshäuser haben bis heute nicht begriffen, dass es beim Online-Journalismus nicht nur um Geschwindigkeit, sondern vor allem um Informationstiefe geht. Denn die kann nur das Netz leisten. Keine Zeitung kann es sich erlauben, Tag für Tag, Woche für Woche Hintergrund-Dossiers zu Dauerbrennern wiederholt abzudrucken. Für Online-Nachrichtenseiten wäre es nicht nur technisch machbar, sondern müsste geradezu Teil ihres eigenen Berufsethos sein.

Nun kann man die Readers Edition der Netzeitung als für neuen Online-Journalismus oder Web 2.0 nicht repräsentativen PR-Gag abtun. Die Netzeitung wurde von der etablierten Konkurrenz schon immer als Agenturmeldungsabwurfstelle geschmäht. Wer die Seite über die Jahre verfolgt hat, muss aber anerkennen, dass dort konsequenter als anderswo versucht worden ist, die Möglichkeiten des Webs auszunutzen. Ob mit bestechender Qualität, steht auf einem anderen Blatt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde Dienste wie Indymedia oder die Netzeitung Readers Edition ebenso wie persönliche Blogs, etwa aus Beirut, beeindruckend und enorm wichtig, um den Wissenssstand einer mäßig informierten Öffentlichkeit zu erweitern. Aber wir sollten nicht, nur weil es in Zeiten des Web 2.0 gerade hip ist, die etablierten Medien als Auslaufmodell betrachten. Deren Handwerk kann den Versuchen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, nur als Messlatte dienen, die das Projekt „We The Media“ mindestens schaffen muss. Davon sind wir noch einige Jahre entfernt. (wst)