Die Kabel-Konspiration
Niemand, der ganz bei Trost ist, würde jahrelang Kopf und Kragen riskieren, um zu den besten Piloten der Welt zu gehören, um schließlich als Marmeladefüllung in einem Berliner zu enden.
- Peter Glaser
Am 4. Oktober 1957 schossen die Sowjets mit Sputnik das erste menschgemachte Objekt in eine Erdumlaufbahn. Die Amerikaner fühlten sich technologisch ausmanövriert, im März 1958 fand in Los Angeles eine Art Notfallkonferenz statt. Man wollte versuchen, eine Kapsel mit einem Menschen darin hochzuschießen. In den Augen der Ingenieure war das alles Entscheidende die Technik. Der Mensch in der Kapsel würde kein Pilot sein, sondern eine lebende Kanonenkugel. “Der Astronaut ist ein überzähliger Bestandteil des Systems”, befand ein Ingenieur im Sommer 1960 anläßlich einer Konferenz des Armed Forces National Research Council.
Die Elite der Testpiloten war eingeladen, sich als Astronaut zu bewerben. Aber niemand, der ganz bei Trost war, würde jahrelang Kopf und Kragen riskieren, um zu den besten Piloten der Welt zu gehören, um schließlich als Marmeladefüllung in einem Berliner zu enden.
Die Astronauten versuchten, die Ehre der Menschen vor den Maschinen-Maniacs zu retten. Nach dem Entwurf der Ingenieure sollte der Astronaut in der Kapsel beispielsweise die Außenwelt nur durch ein Periskop betrachten können. Die Flieger bestanden auf einem Fenster. Heute gibt es im Space Shuttle sogar am Klo ein Fenster ins All. Auch die Sprachregelung, wonach es sich bei dem Transportmittel um ein “Raumfahrzeug” handelt, das von “Piloten” gesteuert wird, und nicht um eine “Kapsel”, in der sich Untersuchungssubjekte mit einem Fieberthermometer im Hintern aufhielten, haben die Astronauten bereits in den sechziger Jahren durchgesetzt.
Nun wirft ein Stück Kabel die Frage auf, ob man uns nicht doch jahrzehntelang getäuscht hat.
Anfang Juni wurde vor dem mit Spannung erwarteten Start der Discovery bekannt, dass sich unter den zwei Tonnen Nutzlast auch ein achteinhalb Meter langes, zweieinhalb Kilo schweres Kabel befand - ein Symbol der Selbstzweifel, von denen die Nasa zunehmend geplagt wird. Mit dem Kabel soll im Notfall die Landung eines Shuttles per Fernbedienung durchgeführt werden. Ohne Astronauten an Bord.
Seit 1987 schreibt der amerikanische Physiker Robert L. Park seine wöchentliche Netzkolumne “What’s New”, in der er sich kritisch und als klassischer Aufklärer mit Wissenschaft und Technologie auseinandersetzt. Zu dem Fernbedienungs-Kabel zitiert er am 30. Juni, kurz vor dem geplanten Start der Discovery nach zweijähriger Pause, ein Telefongespräch mit “Ann Thropojinic, einer ehemaligen NASA-Astronautin, auf die wir uns bereits verschiedentlich bezogen haben”. Thropojinic auf die Frage, ob sich die Funktion der Shuttle-Crew letztlich darauf beschränke, ein paar Schalter umzulegen: “Nicht nur. Die Crew ist auch noch dazu da, Schwerelosigkeits-Akrobatik für die Kameras vorzuführen.”
Dass es gar keine ehemalige NASA-Astronautin Ann Thropojinic gibt, hatte Park übrigens bereits in einer Meldung vom 26. März 2004 (!) vergnügt bekanntgegeben . Die fiktive selbstkritische Stimme der Raumfahrtbehörde firmierte nebenbei als Parodie auf die Skandale mit erfundenen Interviews, die zu der Zeit die amerikanische Medienöffentlicheit erschütterten (der New York Times-Reporter Jason Blair war gerade wegen selbst fabrizierter Gespräche gefeuert worden; Janet Cooke, eine Reporterin der Washington Post, hatte den renommierten Pulitzer-Preis für Interviews mit Leuten bekommen, die nicht existieren).
Anfang März 2004 hatte Park die Entscheidung der NASA kommentiert, das Weltraumteleskop Hubble doch nicht reparieren zu lassen, obwohl kaum eine Weltraummission der letzten Jahre so viele Ergebnisse gebracht hatte wie Hubble. Zusammenfassend wurde “Ann Thropojinic, eine ehemaligen NASA-Astronautin” zitiert: “Ihr Wissenschaftler werdet es wohl nie kapieren: Die Leute interessiert es nicht, was in 13 Milliarden Lichtjahren Entfernung passiert. Sie wollen wissen, wie man in der Schwerelosigkeit Spaghetti essen kann. Darüber hättet ihr mal nachdenken sollen, ehe Hubble ohne ständige Besatzung in die Umlaufbahn geschickt wurde.” (wst)