Anatomie einer Aufmerksamkeitswelle
Ein Link auf der Titelseite von Slashdot gilt seit jeher als Besucher-Bringer Nummer eins. Aber im Web ist keine Regel in Stein gemeiĂźelt.
- Mario Sixtus
Slashdot hat Macht. Ein einziger Link auf der Titelseite des kollaborativen Tech-Magazins kann einen Besucher-Tsunami auslösen, der ausgewachsene Webserver in die Knie zwingt. Der Heise-Ticker verfügt über ähnliche Zauberkräfte und auch Websites wie Spiegel.de können einem gerade noch menschenleeren Netz-Inselchen in Windeseile die Bevölkerung einer Grosstadt auf die Seiten hetzen.
Auch geschätzte 60 Millionen Blogs haben diesen Mechanismus bislang nicht außer Kraft gesetzt, allerdings machen sie sich gerade daran, die Regeln ein wenig auszuweiten. Ein Eintrag des Blogs Virtual Security ist kürzlich nacheinander auf den Frontseiten der Linkschleuder Digg, bei Slashdot, sowie beim Über-Blog Boingboing gelandet und im Anschluss daran von etlichen unbekannteren Blogs verlinkt worden. Die Analyse der jeweiligen Besucherströme offenbart ein äußerst aufschlussreiches Muster.
Wie erwartet sorgen Slashdot und Digg für heftige, aber kurze Traffic-Feuerwerke. Boingboing selbst steuert nur einen verhältnismäßig überschaubaren Teil an neuen Besuchern bei, sorgt jedoch für einen bemerkenswerten Nebeneffekt, der sich erst am dritten und vierten Tag richtig entfaltet. Während der von Digg, Shlashdot und Boingboing eintreffende Leserstrom deutlich abklingt, entwickelt sich ein vierter Mitspieler zum größten Traffic-Generator: Hunderte von kleinen Blogs, die allesamt die Boingboing-Story zitieren, und die in ihrer Gesamtheit sogar die Slashdot-Leser übertreffen. Einige bringen nicht mehr als acht unterschiedliche Leser auf die Seite - aber addiert sorgen sie am vierten Tag für satte 46 Prozent der Visits.
Geboingboingt oder geslashdottet zu werden, sind somit zwei paar Schuhe: Ersteres beinhaltet einen eingebauten Echo-Effekt, der mittelfristig sogar lauter ist, als der ursprĂĽngliche Knall.
Schlüsse kann man viele ziehen aus dieser Beobachtung, beispielsweise den, dass Blogger alle voneinander abschreiben oder auch - was eher den Kern trifft - dass viele von Boingboing abschreiben. Das Netz ist halt ein lebendiges, oft unberechenbares Dingelchen, das seine Verhaltensmuster permanent neu schreibt (und das mit dem oben aufgedröselten Echo-Blog-Effekt mal eben ein weiteres Indiz für Chris Andersons Long-Tail-These gebastelt hat). (wst)