Es gibt Kopier auf Hawaii
Mal ein paar grundlegende Anmerkungen zu Urlaub und dem Kopieren als Kulturprinzip beziehungsweise einer Philosophie des Nachmachens
- Peter Glaser
Das Kopieren ist eine äußerst erfolgreiche Zivilisationsstrategie. Von allen Lebwesen hat der Mensch am besten gelernt, alles nachzumachen. Wer den Bären kopiert, der kommt auch an den Honig; wer den Löwen kopiert, der mehrt seine Macht. Mit dem Imitieren hat die Kulturgeschichte begonnen. Lernen heißt immer erst einmal nachahmen. Hätte es schon in der Urzeit Urheberrechtsansprüche gegeben, es wäre mit der Weiterentwicklung des Kulturwesens Mensch wohl nichts geworden.
Die Kopie ist eine Attacke auf unsere individualistische Weltanschauung, denn im Westen wird das Kopieren aus einer Art von Schamhaftigkeit oder Originalitätswahn abgelehnt. Mit seiner Haltung aber versaut der Individualist sämtliche Ressourcen des Planeten. Er will immer nur das Echte sehen, begrabbeln, haben. Weil alle alles selber sehen wollen und jeder überall hin möchte, sieht beispielsweise keiner mehr irgend etwas außer die immergleichen Touristenhaufen. Das nennt man dann Urlaub. Es gibt Kopier auf Hawaii.
Alle Entwicklung beruht seit jeher auf dem Kopierprinzip - wohlgemerkt dem analogen, fahlerbehafteten. Fortschritt entsteht aus den kleinen Differenzen und Mutationen zwischen Original und Kopie. Ohne Kopierfehler geriete der Reichtum der organischen wie auch der geistigen Welt zum Stillstand. Alles bliebe immer nur noch das gleiche. Das ist das Gefährliche an der digitalen Kopie, die ja genau genommen gar keine Kopie mehr ist. Die digitale Kopie hat den Unterschied zwischen Original und Kopie ausgelöscht. Wie man will gibt es nun nur noch Originale oder nur noch Kopien. Das Original in der Einzahl, das Individuum unter den Objekten, ist perdü.
Unoriginell zu sein, ist eine typisch europäische Angst. Die eitle Individualität vergeudet ihre Kraft für Spiegelgefechte, die verbergen sollen, woher sie ihre für eigen ausgegebenen Ideen bezogen hat. Warum nicht sich öffnen und sagen: Ich bin eine Collage, ein Mix, ein Sample? Ich habe Wurzeln und bin nicht aus der fünften Dimension materialisiert. Ich bin bestens vernetzt mit der Ideengeschichte der Welt. Ich trinke den grünweißen Schein des Leuchtbalkens, der unter der Glasplatte des Scanners entlangstreicht. Ich bin der Geist der Philokopie. (wst)