Kleinst-Urlaub
In immer neuen Nischen nistet Mikrokulturgut und zerfranst unseren Alltag. Die Fitzelchen erzeugen aber nicht nur StreĂź, sondern auch Erholung und GenuĂź.
- Peter Glaser
Früher kam vormittags die Post, dann gabs Mittagessen und abends um acht in der Tagesschau Neues aus Deutschland und der Welt. Heute kommt der Briefträger ständig. Mit E-Mail ist es fast wie im Krieg – man kann jederzeit unter Beschuss geraten. Dazu kommen ständig neue Kommunikationskanäle. Von überallher sickern Unterbrechungen ein, Abzweigungen tun sich auf, eine Unendlichkeit an Ablenkungen.
Alltag im 21. Jahrhundert. Das Leben zerflimmert zu einem Gewölk von Zwischendurchs. Dazu haben wir uns ein neues Leiden zugezogen: moderne Ungeduld. Winzwartereien perforieren den Lebensfortlauf und lassen uns in einer jeweils winzigen Handlungsleere hängen. Längst gibt es Angebote, mit denen sich die zeitgemäß minuten- oder sekundenweise klaffende Langeweile ausfüllen läßt. Kultur und Kommerz haben die Weltsplitter entdeckt. Am Beispiel von Mikrokulturformen wie SMS oder Klingeltönen wird deutlich: Auch mit Schnipseln kann man Millionen machen.
Zu den Pionieren des Phänomens gehören “The Residents”, die rätselhafteste Band der Welt, die 1979 ihr “Commercial Album” mit 42 jeweils exakt 60 Sekunden langen Stücken veröffentlichten. Im Jahr darauf stellte Morgan Fisher auf der LP “Miniatures” 51 Minimeisterwerke zusammen, darunter eine Geschichte des Rock’n’Roll in 60 Sekunden, ein von Pete Seeger auf dem Banjo gespieltes Snippet aus Beethovens Neunter und Ken Ellis “Eine Minute aus dem Leben des Iwan Dennisowitsch”.
Die kalifornische Cartoonistin Jennifer Shiman bietet in ihrer “ 30-Second Bunnies Theatre Library” parodistische Kürzestfassungen bekannter Hollywoodfilme wie “Titanic”, “Star Wars” oder des “Texanischen Kettensägenmassakers” – gespielt von einer Truppe von Trickfilmhasen.
Und der Klangkünstler Aaron Ximm offeriert in seinem Projekt “Quiet American” Ferien in Molekülgröße: “Nehmen Sie einen 1-Minuten-Urlaub von dem Leben, das Sie kennen.” Der Vielreisende Ximm stellt seit drei Jahren akustische Ambientes ins Netz – eine kalte Nacht im burmesischen Kalaw, Nebelhörner am China Beach in San Francisco, das Treiben in einem Bowling-Club auf Long Island.
Das Netz ist der Traum des in sein Hamstertretrad aus TV-Programmen eingesperrten Fernbedienungsfatalisten. Der muß mit dem bißchen Hoffnung, das er hat – dass nämlich nach einem vorwärtsgezappten Durchgang durch die ganze Programmleiste vielleicht doch irgendwo etwas Unblödes angefangen haben könnte – streng haushalten. Das Netz dagegen lockt mit der Verheißung, mit jedem Klick einen neuen Kanal sehen zu können. Maximal 25 Sekunden hält sich der durchnittliche Webzapper heute auf einer Seite auf. Die Ergebnisse von Suchmaschinen-Anfragen klickt jeder vierte Nutzer überhaupt nicht mehr an. (wst)