Bildwechsel

Vor 2300 Jahren hat sich der griechische Philosoph Platon gegen die Verfestigung von Augenblicken durch Aufzeichnungen gewandt. Heute wenden sich andere Leute gegen das Aufzeichnen, und es sind nicht gerade Platoniker.

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Von
  • Peter Glaser

Ich kam von einer Reise nach Haus, mit mir etwa zweitausend Fotos, die ich mit meiner Digitalkamera gemacht hatte. Seit ich eine Digitalkamera habe, fotografiere ich wieder viel. Obwohl ich immer schon gern fotografiert habe, hatte die Lust daran nachgelassen, als mir das analoge Fotografieren irgendwann umständlich geworden war. Filme kaufen, Filme zum Entwickeln bringen, hoffen, dass die Bilder was geworden waren (was oft nicht der Fall war). Jetzt macht die Digitalkamera fast von allein schöne Fotos. Die Kombination aus Digitalkamera und einem Bildbearbeitungsprogramm ist nahezu unschlagbar. Ausschnittwahl oder die Rettung schlecht belichteter Fotos sind kein Problem mehr, ebensowenig teure Filme.

Die Leichtigkeit aber, mit der sich nun eine Springflut von Bildern auslösen lässt, zieht ein neues Problem nach sich (das, wie sich zeigen wird, so neu gar nicht ist). Zurück von der Reise, fühlte ich mich meinem Fotoapparat unterlegen. Ich hatte mir vor Ort kaum Einzelheiten gemerkt und alles an den Abbildungsautomaten delegiert. Meiner Gedächtnisleere entgegen glänzten die Bilder mit ihrer Detailfülle. Durch die Fotos wurde mir auch noch geradezu beschämend das Unfotografierbare deutlich gemacht - das, was nur ich mit meinem komplexen menschlichen Wahrnehmungsvermögen hätte behalten können. Das, was keine Maschine erfassen kann.

Bereits vor etwa 2300 Jahren hat sich der griechische Philosoph Platon gegen die Verfestigung von Augenblicken durch Aufzeichnungen gewandt. Vor allem die Schrift lehnte er ab - sie töte das lebendige Gedächtnis. (Bemerkenswerter Weise ist uns sein Protest in Form einer schriftlichen Aufzeichnung überliefert). Es war die Geburtsstunde des Kulturpessimismus, der sich seit Jahrhunderten von der Auffassung ernährt, dass wir unsere Fähigkeiten an immer mehr Technologie fortgeben würden, die uns entleere und leblos mache.

Die Dichte an Details und Eindrücken nämlich, die mit meinen zweitausend Fotos transportabel geworden ist, hätte auch das trainierteste Gedächtnis nicht behalten. Zumal die Aufmerksamkeit sich meist wie ein Suchscheinwerfer auf einen bestimmten Ausschnitt der Umgebung richtet, während die Fotografie mit urdemokratischem Gleichmut die ganze visuelle Fläche mitnimmt; zwar nur die Fläche, aber immerhin.

Heute wenden sich andere Leute gegen das Aufzeichnen, und es sind nicht gerade Platoniker. Der US-Senator Fred Madden aus New Jersey etwa hat die Einführung eines Gesetzes beantragt, das jeden mit bis zu 18 Monaten Gefängnis bestrafen soll, der Flughäfen, Kraftwerke, Müllverbrennungsanlagen, Wasserwerke, Atommüll- oder Gefahrstofflager fotografiert oder sonstwie aufzeichnet. In der nächsten Neuregelung wird wahrscheinlich auch das Hingucken und Merken verboten werden.

Auf seiner ersten italienischen Reise kam Goethe am 14. September 1786 nach Malcesine am Gardasee. Um sich ein Andenken zu erhalten, begann er, den Turm einer alten Burg abzuzeichnen - bis ein Mann kam und seine Zeichnung zerriß: Die Türme lägen an der Grenze zwischen Venedig und Österreich und dürften nicht ausspioniert werden. (wst)