Die Kehrseite der Offenheit

Die Forderungen nach einer umfassenden Überwachung des öffentlichen Raums angesichts der jüngst vereitelten Terroranschläge offenbaren auch den blinden Fleck der "Openness"-Bewegung.

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Von
  • Niels Boeing

Seit ich vorletzte Woche an dieser Stelle – nichtsahnend – ein Szenario an die Wand gemalt habe, welche absurden Ausmaße die Sicherheitsauflagen etwa im Flugverkehr 2025 haben könnten, überstürzen sich die Ereignisse. Nach den vereitelten Flugzeuganschlägen ist auf bestimmten Flügen die Mitnahme von Handgepäck und Flüssigkeiten verboten. Und nach der Festnahme eines der beiden mutmaßlichen „Kofferbomber“ kommt die deutsche Sicherheitsdiskussion richtig in Fahrt.

Schon fordert die Bild-Zeitung mehr oder weniger ungeniert die Abschaffung des Datenschutzes. „Aber vor der Sicherheit kommt bei uns immer noch der Datenschutz. Persönlichkeitsrecht, Schutz der Intimsphäre und andere Argumente. Aufhören damit, bitte, aufhören!“, polemisiert das selbsternannte Wahrheitsorgan gegen den Rechtsstaat. Der öffentliche Raum solle künftig für die technischen „Augen von Recht und Ordnung“ offen zugänglich sein. So weit, so schlecht.

Doch die Sicherheitsfanatiker sind nicht die einzigen, die sich Offenheit auf ihre Fahnen geschrieben haben, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Sandra Braman von der University of Wisconsin Milwaukee kürzlich im Internet-Journal First Monday richtig bemerkte: Für die Bewegungen für offene Wissensproduktion (z.B. Wikimedien, Open Source und Open Access) oder die Blogosphäre ist die Idee der Offenheit geradezu konstituierend. „Ein implizites Ziel der Openness-Bewegung ist, ein politisch nützliches Gedächtnis zu schaffen und zu pflegen für Situationen, in denen das offizielle Gedächtnis nicht ausreichen könnte“, schreibt Braman. Anders gesagt: Politische und technische Strukturen sollen zum Nutzen der Bürger transparent gemacht werden, damit sie nicht missbraucht werden können.

Das ist zugleich ihre Schwäche, denn, wie Braman schreibt: „Alle Strukturen offener Inhalte, alle Nutzungen offener Inhalte und alle Prozesse, mit denen offene Inhalte produziert werden, sind freiwillige Beiträge zum Panspectron, das mittels Data-Mining auf eine mögliche... Identifikation von Individuen analysiert werden kann, die als politisch gefährlich eingestuft werden könnten.“ Ereignisse, Meinungen und Eigenschaften von Personen werden zunehmend als Daten repräsentiert und gespeichert und bilden in ihrer Gesamtheit das, was der Informationstheoretiker Branden Hookway das „Panspectron“ genannt hat, die Weiterentwicklung des Foucault'schen Panoptikums.

Wie will die Openness-Bewegung verhindern, dass ihre sinnvolle Arbeit nicht genau das untergräbt, was sie schützen will: nämlich Persönlichkeitsrechte und Intimsphäre?

Ich weiß darauf, ehrlich gesagt, keine auch nur halbwegs befriedigende Antwort. Sandra Braman bleibt sie in ihrem Aufsatz schuldig. Aber von der Antwort wird abhängen, ob die Openness-Bewegung zum unfreiwilligen Erfüllungsgehilfen einer drakonischen Sicherheitspolitik mutiert – oder eine umfassende Aufklärung bewirken könnte, die hilft, jene Ungleichheiten zu beseitigen, die sich mitunter auch in politischer Gewalt entladen. (wst)