Orion, die X-te

Eine kleine Geschichte der vor allem in Weltraumdingen immens beliebten Marke “Orion”

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Von
  • Peter Glaser

"Wer hat die Challenger zur Explosion gebracht?" – Es war am 17. September 1966 gegen 21 Uhr, als diese Frage das erste Mal gestellt wurde, eine dunkle Vision 20 Jahre vor dem ersten Shuttle-Desaster der Nasa. Am Ende der ersten Folge der phantastischen Fernsehserie "Raumpatrouille" zerschellte der Laborkreuzer “Challenger” am Magnetschirm der Relaisstation MZ 4.

Mit den Abenteuern des schnellen Raumkreuzers Orion auf Raumpatrouille schuf die Bavaria Film – unter Mithilfe des Filmarchitekten und späteren Oskar-Preisträgers Rolf Zehetbauer ("Die unendliche Geschichte") – einen Fernsehklassiker und die erste europäische Science Fiction-Produktion. Die “Orion” wurde zum bekanntesten Flugobjekt Deutschlands – nur neun Tage nach der Premiere der amerikanischen SF-Serie “Star Trek” (“Raumschiff Enterpreise”) am 8.9.1966 war sie an den Start gegangen.

In der DDR war man mit "Der schweigende Stern" bereits 1959, zwei Jahre nach dem ersten Sputnik, filmisch ins All geeilt. Der Westen hatte erst einmal akustisch mit Bill Ramseys "Schokoladeneisverkäufer von dem andren Stern" dagegengehalten. Zu der Zeit hießen Manager noch Direktoren, Models firmierten als Mannequins und Computer als Elektronengehirne. Spitzenschlager in den USA war "Stranger in the Night", was mir aber egal war: Ich wollte un-be-dingt die "Raumpatrouille"-Musik aufnehmen, Peter Thomas wundervoll futuristischen Soundtrack. Die Firma Philips hatte gerade den ersten Kassettenrekorder auf den Markt gebracht, aber mein Vater befand, ich sei mit Neun noch zu klein für ein solches technisches Wunderwerk. Also sah ich mich genötigt, den Soundtrack auf der Blockflöte zu reproduzieren.

Außer Frage stand damals, dass auch kleine Jungs ihren Beitrag zur Eroberung des Alls liefern konnten. Zwischen den Abenteuern des Raumschiffs Orion und dem laufenden Apollo-Mondlandeprogramm der Nasa bestand keinerlei Gefälle im Realitätsgrad. Der jugendliche Forschungswille stand in Flammen. Der Wissenschaftsforscher Derek John deSolla Price errechnete, dass bei gleichbleibender Wachstumsrate der wissenschaftlichen Produktivität in absehbarer Zeit auf jeden Mann, jede Frau, jedes Kind und jeden Hund auf der Erde Dutzende Ingenieure und Wissenschaftler kommen würden.

Im Garten des Elternhauses versuchte ich mit einer innovativen Schwarzpulvermischung gestopfte Rundkolben aus Jenaer Glas aus einem gußeisernen Christbaumfuß heraus in die Erdumlaufbahn zu bringen. Dabei zog ich mir den Haß der umliegenden Hausfrauen zu, deren zum Trocknen aufgehängte Wäsche von den schwefeligen Triebwerksschwaden umweht wurde. Der Fortschritt verlangt Opfer. "Denn wofür lohnte es sich schon zu leben", schrieb Claudius Seidl bei Gelegenheit über diese Pionierzeit, "wenn nicht für eine Karriere als Kosmonaut." Oder Astronaut. Oder Orionfahrer.

Zwei Jahre später war in Stanley Kubricks Space-Epos “2001 – Odyssee im Weltraum” von 1968 der Raumfahrt-Beamte Heywood Floyd auf einem PanAm-Flug an Bord einer Passagierrakete namens "Orion" auf dem Weg zu einer Orbitalstation. Klassisch die Szene, in der sein Kugelschreiber neben ihm in der Schwerelosigkeit treibt.

Dann die erste Mondlandung. Danach der Niedergang. Anfang der achtziger Jahre machte sich in Filmraumschiffen der Einfluß einer düsteren, dreckigen Science Fiction-Avantgarde namens Cyberpunk bemerkbar. Das Innere von Raumschiffen erweckte nun einen ziemlich gebrauchten Eindruck, die Raumfahrer waren zum Teil unrasiert, Aliens trieften. Die Zeit der gläsernen, glanzpolierten Orion-Environments war vorbei. Nur noch in den neuen Star Trek-Folgen und bei George Lucas hatten Raumschiffe diese spießige, staubgesaugte Anmutung.

Im Januar 1993 explodierte im nordschwedischen Raumforschungszentrum Esrange (“European Sounding Rocket Range”) nahe Kiruna bei Testarbeiten eine reale "Orion"-Rakete, die für die Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) Daten über die Ozonschicht sammeln sollte. Bei dem Unglück kam ein Techniker ums Leben.

Das fiktive deutsche Schwesteraumfahrzeug schaffte es zumindest als Anspielung bis nach Amerika. In der dem erfolgreichen Kinofilm “Stargate” nachfolgenden TV-Serie “Stargate Atlantis” heißt ein Kriegsraumschiff der Aurora-Klasse ebenfalls “Orion”. Eingeschleppt hatte den Namensvirus der deutsche SF-Experte Robert Vogel, der über die Dreharbeiten berichtete und den Stargate-Produzenten von der deutschen Kultserie erzählte. Die übernahmen die Bezeichnung.

Jetzt hat die Nasa die Chiffre “Orion” für sich entdeckt; fast könnte man sagen: wiederentdeckt. Denn bereits 1957 hatte der Physiker Theodore Taylor, der damals für die Firma General Atomics in San Diego an den ersten zivilen Kernkraftwerken arbeitete, eine atombombengetriebene Rakete entworfen. Die aberwitzige Idee des sogenannten Pulstriebwerks entstammte einem Geheimpapier, das die beiden Miterfinder der Wasserstoffbombe, Stanislaw Ulam und Cornelius Everett verfaßt hatten. Dabei tröpfeln kleine Atombomben auf eine Rückstoßplatte am Ende der Rakete. Unter der Projektbezeichnung “Orion” nahm die US Air Force das Ganze unter ihre Fittiche. Wernher von Braun versuchte vergeblich, den Nasa-Oberen das Transportverfahren zumindest für künftige Mars-Expeditionen schmackhaft zu machen. Nachdem bereits 11 Millionen Dollar in die Entwicklung gegangen waren, wurde Projekt Orion 1965 eingestellt – eine Folge des Atomwaffensperrvertrags, der Atomtest im All untersagte.

Nun ist ihnen die aktuelle “Orion” einfach rausgerutscht. Eigentlich sollte die große Nachricht erst am Ende August bekanntgegeben werden. US-Astronaut Jeff Williams, derzeit an Bord der Internationalen Raumstation, übersah am 22. August, dass er nicht auf Band sprach, wie er dachte, sondern seine Worte über Funk zur Erde gingen. Da seit Jahren Amateurfunker den Funkverkehr der Astronauten abhören und verbreiten, war im Handumdrehen bekannt, dass die Nasa ihr neues Raumschiff für bemannte Flüge ins All "Orion" nennen wird.

Namenspatron war diesmal die mythologische Quelle - das Wintersternbild, in dem der griechische Jäger Orion verewigt ist. Der wollte alle wilden Tiere auf Erden erjagen und wurde von Gaia, der Erde selbst, durch einen Skorpionstich getötet und, gemeinsam mit dem Skorpion, ans Firmament versetzt. Die zugehörige Trägerrakete der Nasa heißt Ares, nach einem der Väter des Orion.

Mit der Orion-Kapsel hofft die Nasa, aus einer zutiefsten Sinnkrise wieder in höchste Höhen durchzustarten und unter anderem neuerlich Astronauten zum Mond zu bringen. Was sie dort tun sollen, ist unklar. Vielleicht machen sie schön sauber und stellen einen kleinen, hochglänzenden Biwak auf, an dem anstelle eines Türknaufs der Griff eines Rowenta-Bügeleisens befestigt ist und man sich angenehm orionesk dem verbleibenden Fünftel an Schwerkraft hingeben kann. Vielleicht besteht ihre wesentliche Tätigkeit aber auch darin, kleine Messingschilder von Sponsoren anzuschrauben. (wst)