Regentonne statt Staudamm

Auf der Stockholmer Weltwasserwoche forderten Experten, mehr Regenwasser zu nutzen. So ließe sich der Welthunger am besten bekämpfen. Ist das nicht etwas banal gedacht?

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Von
  • Matthias Urbach

Da tagen 1.000 Experten fünf Tage auf der Weltwasserwoche in Stockholm und die Kernbotschaften ist diese: Die aussichtsreichste Lösung für den verbreiteten Wassermangel sei, künftig auf Regenwasser als entscheidende Bewässerungsquelle zu setzen. Für einen von Wasserfragen ungetrübten Beobachter klingt das sehr naheliegend – ja geradezu trivial. Regen ist gut für den Acker. Wo bitte, ist da die Erkenntnis? Und gibt es nicht schon längst effektivere Methoden? Wollen die zurück in die Steinzeit?

Ein kurzer Seitenblick nach Finnland hilft, die Brisanz dieses Satzes besser zu verstehen. Dort legte am Wochenende Lassi Etelaetalo einen Wurf von 89 Metern Weite hin, der ihn prompt zum Weltmeister machte: Im Handy-Weitwurf. Wenn wir Europäer uns schon treffen, um mit winzigen Digitalkameramp3playervideotelefonen um uns zu werfen, anstatt, sagen wir mal, Tennisbälle zu schmeißen, liegt der Verdacht nahe, dass uns der Blick fürs Naheliegende abhanden gekommen sein könnte.

Tatsächlich beherrscht die Faszination für tolle Technik seit langem die Debatten um die Sicherung der Welternährung. Die Experten sind hauptsächlich damit beschäftigt, über genmanipulierte Pflanzen zu streiten. Dabei ist der limitierende Faktor für die nötige Verdoppelung der Weltgetreideproduktion bis 2050 das Wasser. Rund drei Viertel unseres Wasserverbrauchs geht in den Ackerbau – und es ist schon jetzt vielerorts knapp. Bis 2050 brauchen wir aber doppelt soviel Wasser, wenn wir nichts ändern.

Aber auch für die Wasserfrage favorisieren die Ingenieure bislang große Antworten: Mit extra hohe Staudämmen, besonders tiefe Brunnen und energieverschlingende Meerwasserentsalzungswerken werden über mächtige Verteilnetze Flüsse, fossile Grundwasserschichten oder gar das Meer angezapft. Teuer und prestigeträchtig eben. Und all zu oft wenig nachhaltig.

Doch der billigste und umweltschonenste Weg, auch 2050 noch genug Nahrung für die Welt zu produzieren, ist ganz schlicht, armen Kleinbauern in Zentralafrika oder Südostasien zu helfen, Regenwasser zu speichern. Das jedenfalls ermittelten die Forscher vom angesehenen International Water Management Institute (IWMI) in ihrem Vorabbericht für die Weltwasserwoche. Das Regenwasser kann zum Beispiel von Dächern und Straßen gesammelt werden, mit kleinen Rückhaltebecken oder schlicht mit Plastiktonnen.

Das Problem der Kleinbauern ist nämlich nicht, dass zu wenig Wasser vom Himmel fiele, sondern dass der Regen immer wieder mal mehrere Wochen Pause macht –und diese kleinen Dürren ganze Ernten vernichten. Diese Unsicherheit hindert viele Kleinbauern daran, in Dünger oder Pestizide, in Geräte oder Erntehelfer zu investieren. Doch damit ließen sich die Erträge in den Savannen Zentralafrikas verdoppeln oder gar verdreifachen.

Nicht dass man auch mit großangelegten traditionellen Bewässerungsmaßnahmen aus Flusswasser hier und da Erträge noch kräftig steigern könnte. Doch oft ist dies so deplaziert wie Schlagbälle durch Handys zu ersetzen. Viele der bestehenden Großprojekte müssen noch beträchtlich sparsamer werden, mahnen die IWMI-Forscher, um ihre Quellen nicht zu übernutzen. „Weiter wie bisher ist keine Option“, resümiert der Hauptautor des Reports David Molden.

Steigerte man dagegen konsequent die Regenwassernutzung müsste im günstigsten Fall die weltweite Anbaufläche lediglich um zehn Prozent erhöht werden, schätzen Molden und seine Kollegen, um den Welthunger 2050 noch stillen zu können. Und weil es bei den Kleinbauern ansetzt, würde es auch deren Armut bekämpfen helfen.

Die Autoren der IWMI-Studie ahnten wohl, dass ihrer kleinen These die Überzeugungskraft fehlen könnte, die allem Gigantischen ganz natürlich eigen ist. Wer zweifelt schon an der fruchtbaren Kraft eines mächtigen Staudammes? Vielleicht betonen die Forscher deshalb, dass in ihrer fünfjährigen Studie die Erkenntnisse von rund 700 Experten zusammengefasst wurden. Und vielleicht rührt daher der etwas schwülstige Name: „Einsichten aus einer umfassenden Analyse des Wassermanagements in der Landwirtschaft“. Wo schon das Resultat eher unspektakulär ausfällt, wollten die Autoren wenigstens illustrieren, dass ihr Untersuchungsaufwand mächtig groß war. (wst)