Die Kofferverschwörung

Seit vier Wochen wird Deutschland von herrenlosem Gepäck auf Bahnhöfen und Flughäfen terrorisiert. Das muss so nicht bleiben: Wie Web 2.0, Mobilfunk, KI oder Politik das Problem lösen könnten - und was Sunzi dazu gesagt hat.

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Von
  • Niels Boeing

Deutschland hat trotz der WM-Party weiterhin viele Probleme. Jetzt ist noch eins hinzugekommen: herrenlose Koffer. Seit den Fast-Anschlägen der „Kofferbomber“ von Dortmund und Koblenz vor vier Wochen wird verdächtigt und geschnüffelt wie nie zuvor und manchmal auch gesprengt: 28.8. an einer Bushaltestelle in Mannheim, 25.8. auf dem Flughafen Berlin-Tegel, 24.8. in der Potsdamer Innenstadt, 24.8. auf einem Bahnhof in Köln, 21.8. auf dem Bahnhof Itzehoe, 18.8. auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, 11.8. in Berlin auf dm Hauptbahnhof und dem Flughafen Tegel, 2.8. auf dem Bahnhof Hamburg-Dammtor...

Wie geht man damit weiter um?

Die Antwort des Web 2.0 wäre: einen offenen Blog aufmachen, z.B. koffer.blogger.com. Dank der Errungenschaft des Mobloggings könnten Bilder von verdächtigen Gepäckstücken gleich als Megapixel-Handybild gepostet werden. Nachdem die Bürger bei der WM gelernt haben, wie man Touristen hilft, können sie mit dieser Kompetenz jetzt unsere Sicherheitsbehörden (Polizei sagt man ja nicht mehr) unterstützen.

Die Antwort eines Mobilfunknetzbetreibers: einen SMS-Dienst einrichten. Unter der Nummer 563337 (was der Tastenbelegung „k-o-f-f-e-r“ entspricht) können Reisende jederzeit abrufen, ob auf dem Bahnhof oder Flughafen, den sie in Kürze aufsuchen wollen, ein herrenloser Koffer gesichtet wurde.

Die Antwort der Politik: Herkömmliche Koffer werden ab dem 1.10. verboten. Wer weiterhin nicht auf dieses praktische Utensil verzichten möchte, muss sich einen transparenten Koffer aus Acryl zulegen. Wenn die Holländer schon nichts zu verbergen haben und auf Wohnzimmergardinen verzichten, wollen wir nicht nachstehen. Sollen doch alle sehen, welche Unterhosenmarke ich bevorzuge. Das hätte vielleicht den angenehmen Nebeneffekt, dass sich die Zahl dieser dämlichen businessmäßigen Rollkoffer mit ihrem Klicker-Klacker-Geräusch drastisch reduziert, über die sich der Kollege Stieler schon gewundert hat.

Die Antwort der KI (frühestens in 20 Jahren): Koffer werden serienmäßig mit Sensornetz und Mikrorechner ausgestattet. Die Hersteller installieren eine von den Sicherheitsbehörden zertifizierte und standardisierte Analysesoftware, die erkennt, wenn jemand eine Propangasflasche – oder Flüssigsprengstoff – in den Koffer packt, aber keine Unterhose. Der Koffer alarmiert automatisch die Polizei, und sein Besitzer kann noch bei Verlassen des Hauses verhaftet werden.

Noch eine Antwort: Wir könnten uns auch einfach weiterhin in Gelassenheit üben, so wie wir es schon lange vor 9/11 gemacht haben, als es noch andere Terroristen gab. In vielen Foren ist zurecht bemerkt worden, dass Paranoia genau das ist, was Terroristen säen wollen. Nun kennen wir bei den Kofferbombern bislang weder das Ausmaß der Organisation, in die sie eingebunden sind, noch die genaue Motivation. Wollen wir da bei jedem Koffer, der unbeaufsichtigt scheint, in Schweiß ausbrechen, weil die fraktale Front des Antiterrorkriegs jetzt bis zu uns reicht?

„Schlucke keinen Köder, den der Feind dir bietet“, schrieb schon der chinesische Stratege Sunzi vor 2500 Jahren in "Die Kunst des Krieges". Lassen wir Koffer Koffer sein. (wst)