Zerbricht die Welt?
In der Netzneutralitätsdebatte wird heißblütig über die Einführung von Durchleitungsgebühren gestritten. Manche befürchten, es könne im Netz künftig zunehmend unterschiedlich bevorzugte Bereiche geben - die gibt es aber längst.
- Peter Glaser
Während eines Treffens mit Börsianern in New York forderte der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Telekommunikationsunternehmens AT&T, Edward E. Whitacre Jr., im Dezember letzten Jahres, dass Internet-Unternehmen wie Google, Ebay oder Yahoo für den immensen Datenverkehr, den sie verursachen, eine Extragebühr bezahlen müßten: “Das Internet wird immer größer, und wir müssen sehen, wer dieses Wachstum finanziert.” Als Gegenleistung, so seine Vorstellung, könnten Webseiten schneller erscheinen oder Daten sozusagen auf der Überholspur durch das Netz geleitet werden. Die Forderung löste eine Diskussion aus, die seither heißblütig und im planetaren Maßstab geführt wird.
US-Telekoms und mittlerweile auch europäische Carrier wie die Deutsche Telekom wollen für den Aufbau von Hochgeschwindigkeitsnetzen die Inhalte-Anbieter mit zur Kasse bitten. Online-Multis wie Google und Yahoo wildern, etwa mit Internet-Telefonie, bereits in den klassischen Revieren der Telekoms, Die möchten über die neuen Netze gern “Triple Play" anbieten - Internet, TV und Telefon aus einer Hand; und das möglichst ungestört.
Vinton Cerf, einer der Väter des Internet und inzwischen Vizepräsident von Google, sprach sich im Februar vor dem US-Kongress vehement dagegen aus, das Internet in eine Normal- und eine Luxusversion aufzuspalten. Manche befürchten, es könne im Netz künftig zunehmend unterschiedlich bevorzugte Bereiche geben - die gibt es aber längst.
In den frühen Jahren war das Netz, wiewohl aus öffentlichen Mitteln finanziert, der Academic Community vorbehalten. Heute wiederholt sich das mit dem Internet 2. 1997 wurde von der amerikanischen University Corporation for Advanced Internet Development (UCAID) ein Projekt für ein superschnelles Internet initiiert. In Deutschland verbindet seit sechs Jahren das zugehörige sogenannte G-WiN über 500 deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen. Die Technologie zeigt, was in einer idealen Internet-Welt alles möglich wäre: Von Live-HDTV bis hin zu enorm komplexen 3D-Online-Spielen. Aber normale Nutzer können das Internet 2 nicht benutzen.
Für eines der beliebtesten digitalen Geschäftsmodelle wäre Daten-Priorisierung übrigens das Ende: Würde bei Online-Spielen nicht mehr Geschick und Reaktionsgeschwindigkeit zählen, sondern nur die Schnelligkeit der Verbindung, wäre der Spaß vorbei - und der Geschäftserfolg.
Für die Verteidiger der Netzneutralität ist die Priorisierung von Datenpäckchen gleichbedeutend mit Zensur. Was Fachleute “traffic shaping” nennen, das Ausbalancieren der Datenströme, kann aber durchaus nützlich für die gesunde Entwicklung eines Netzes sein. So lassen sich dadurch etwa die Daten von Internet-Telefonaten beschleunigen und die Qualität der Verbindung verbessern. Die schnellere Durchleitung ausgewählter Daten bedeutet nicht, dass andere Daten langsamer übertragen werden. Der US-Provider Verizon beispielsweise hat jüngst die Übertragungsgeschwindigkeit in seinem Glasfasernetz schlicht verdoppelt. Die Kunden können nun - ohne Mehrkosten - “so schnell surfen wie in Europa”.
Was den einen als gefährliche Balkanisierung erscheint, sehen andere als Vielfalt. Im September 1941 veröffentlichte der österreichische Philosoph Leopold Kohr in der amerikanischen Zeitschrift "The Commonweal" einen Aufsatz mit dem Titel "Einigung durch Teilung. Gegen nationalen Wahn, für ein Europa der Kantone". Demokratie, so Kohrs Resümee, könne sich nur in kleinen Einheiten voll entfalten. Schon das Beispiel der USA belege, dass die Amerikaner es für sinnvoller und praktischer gehalten hätten, das große Nationalgebilde in 48 Staaten zu unterteilen. (wst)