Schutzkopie statt Kopierschutz

Warum die NASA unbedingt wieder zum Mond muss und die BBC ganz neuen Erpressungsmethoden ausgesetzt ist.

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Von
  • Peter Glaser

Zu Zeiten des Kalten Krieges hatte sich hier die US-Zentralbank ein Ausweichquartier für einen Atomkrieg bauen lassen und Währungsreserven von ein paar Milliarden Dollar untergestellt. Letztes Jahr begannen neue Schätze Einzug zu halten: Die Amerikanische Kongreßbibliothek nahm die 13.000 Quadratmeter eines leerstehenden Atombunkers im Mount Pony bei Culpeper, Virginia, in Besitz, um ihre unschätzbaren Film- und Tonarchive unterzubringen. Das "National Audiovisual Conservation Center" hält die umfangreichste Sammlung an Filmen, Ton- und Videoaufzeichnungen, Radio- und Fernsehsendungen, die von Edison und Bell bis in unsere Tage reicht. Am Ende sollen im Mount Pony 900.000 Filme und 2,6 Millionen Schellacks, Tonbänder, Audiocassetten und CDs untergebracht sein.

Sowas – eine öffentliche Einrichtung, in der aus kapitalistischem Kopierschutz Schutzkopien im Interesse der Gemeinschaft werden – wäre auch in Europa nicht das Schlechteste. Als etwa Heinrich Breloer im März 2004 mit den Dreharbeiten zu dem Dreiteiler “Speer und Er” begann, wollte er auf das Filmprotokoll eines Gesprächs zurückgreifen, das er 1980, ein Jahr vor dessen Tod, mit Albert Speer geführt und aufgenommen hatte. Die Bänder jedoch waren weg. Nicht verschludert, sondern beim NDR nach 20 Jahren vorschriftsgemäß aus dem Archiv entsorgt.

Opfer mangelnden Kopierbewußtseins wurde jüngst auch die britische BBC. Unbekannte haben nach Angaben des "Daily Mirror" vier Masterbänder einer neuen, acht Millionen Pfund teueren TV-Fernsehserie über Robin Hood gestohlen und fordern dafür nun ein ein "Lösegeld" von einer Million Pfund. Robin Hood, wir erinnern uns, hat sich selbst gern als “König der Diebe” apostrophiert. Die 13 Folgen der BBC-Serie waren auch aus Kostengründen im preiswerteren Ungarn gedreht worden.

Ein paar Bänder werden, vorerst jedenfalls, auch im Mount Pony fehlen. Die US-Raumfahrtbehörde NASA meldete Mitte August, dass sie die Originalaufnahmen der ersten Mondlandung vom 20. Juli 1969 nicht finden könne. Insgesamt fehlen 700 Kisten mit Aufzeichnungen der Apollo-Mission, darunter die Sequenz mit dem Satz von Neil Armstrong, “Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit”. Jetzt wird auch klarer, warum die NASA unbedingt wieder zum Mond will. Diesmal wird es hoffentlich eine verschwörungsfeste Mondfahrt geben, mit Sternen am Himmel und bewegungslos aufgepflanzten Sternenbanner.

Manchmal läuft es auch umgekehrt und es tauchen Aufzeichnungen wieder auf, mit denen niemand mehr gerechnet hatte. So überstanden etwa zwei CDs der schottischen Folkrock-Gruppe Runrig den Untergang der Raumfähre "Columbia", die am 1. Februar 2003 beim Landeanflug verglüht ist. Eine der CDs fanden die Spurensucher der NASA unter 83.000 Trümmerfundstücken in einem intakten CD-Player. (wst)