3D-Kinkos
Materialisieren statt verfrachten: Wie Fedex die Rapid-Prototyping-Technik nutzen und die Logistik des 21. Jahrhunderts erfinden könnte.
- Niels Boeing
Die Globalisierung hat die Weltwirtschaft in den Turbogang geschaltet. Immer schneller müssen Güter transportiert werden, um noch ein paar Prozent der Kosten aus der Wertschöpfungskette herauszuquetschen. Aber schneller als die Frachtflieger von Transportdienstleistern wie DHL, Fedex oder UPS geht es nicht. Es sei denn, man würde auf Superjets umsteigen.
Wozu aber physische Objekte verschicken, wenn Daten genügen und in Sekundenbruchteilen jeden Punkt der Welt erreichen? 2003 hatte das US-Transportunternehmen Fedex eine clevere Idee: Es übernahm die amerikanische Kopierladenkette Kinkos. Damit verfügt Fedex in Nordamerika über 1300 Punkte zum Drucken von Dokumenten. Anstatt Broschüren und Materialien über Hunderte oder Tausende von Kilometern zu einem Konferenzort zu befördern, bietet Fedex Kunden jetzt an, deren Daten an den nächstgelegenen Kinkos-Shop zu schicken und sie dort ausdrucken zu lassen.
Der US-Physiker Neil Gershenfeld hat schon vor einigen Jahren in seinem Buch „Wenn die Dinge denken lernen“ festgestellt, dass in der computergesteuerten Industrie auch etliche andere Produkte ihr Leben als Datensatz im Rechner eines Ingenieurs beginnen. Dann müsste sich das Fedex-plus-Kinkos-System eigentlich auch über Printdokumente hinaus ausweiten lassen – mit Hilfe des so genannten Rapid Manufacturing.
Das ist, vereinfacht gesagt, ein 3D-Druck von realen Gegenständen, der sich aus dem industriellen Rapid Prototyping entwickelt hat. Mittels Stereolithographie oder Lasersintern lassen sich Bauteile aus dem Rechner in wenigen Stunden materialisieren, ohne erst herkömmliche Industriewerkzeuge bauen zu müssen. Die Qualität der damit erzeugten Objekte steht der von konventionell hergestellten Teilen mittlerweile kaum noch nach. Mitunter wird Rapid Manufacturing schon zur Fertigung kleiner Serien von echten Bauteilen verwendet.
Das belgische Unternehmen Materialise ist einer der führenden Rapid-Prototyping-Dienstleister und bietet die Technologie an Standorten in Europa, Amerika, Asien und Australien an. Im Prinzip könnte Materialise eine Art 3D-Kinkos werden: Anstatt eine Kleinstladung eines sehr speziellen Bauteils oder eines gerade nicht verfügbaren Ersatzteils im Entwicklungszentrum in Europa herzustellen und zum Produktionsstandort nach Asien zu fliegen, könnte einfach sein 3D-Datensatz dorthin gebeamt werden. Dann werden die Teile vor Ort „gedruckt“.
Im Materialise-Hauptquartier in Leuven hat man über diese Idee bisher zwar noch nicht nachgedacht. Aber darauf angesprochen, kann man sich dort vorstellen, dass eine derartige Anwendung „sehr bald“ Realität werden könnte.
Wenn die derzeit noch avantgardistische Szene um die „Fab Labs“ von Neil Gershenfeld mit ihren Prognosen Recht behält, werden in wenigen Jahrzehnten komplette Produkte, nicht nur Spezialteile, lokal von fortgeschrittenen 3D-Druckern – er nennt sie "Personal Fabricator" – produziert. Das könnte dann das derzeitige Transportsystem der arbeitsteiligen Weltwirtschaft kräftig umkrempeln. Statt Atomen würden Bits um den Erdball geschickt, um sich erst vor Ort zu materialisieren. Das wäre nicht nur eine Lösung für die Zeit, wenn die fossile Kraftstoffe zur Neige gehen. Es würde uns auch von den unangenehmen Folgen der globalen Verkehrsexplosion befreien.
Vielleicht sollte Fedex einmal einen Blick auf Materialise werfen – und die nachhaltige Logistik des 21. Jahrhunderts erfinden. (wst)