Biowaffen gegen Gammelfleisch
Die US-amerikanische Nahrungs- und Arzneimittelaufsicht FDA hat erstmals Viren als Zusatz für Lebensmittel zu Konservierungszwecken zugelassen. Ob das auch bei bayrischem Gammelfleisch helfen könnte?
- Hanno Charisius
Mitte August, als man in Bayern noch Döner und Leberkäs-Semmel angstfrei aß, weil man von den Gammelfleischbergen in Kühlräumen und auf Drehspießen nichts wusste, da bewilligte die US-amerikanische Nahrungs- und Arzneimittelaufsicht FDA erstmals Viren als Zusatz für Lebensmittel – zu Konservierungszwecken. Viren, sind das nicht diese Dinger, die einen krank machen?
Schon, aber so wie die mikroskopischen Krankheitserreger Menschen befallen können, gibt es auch welche, die sich nur auf Bakterien stürzen. Die werden von der Fachwelt als Bakteriophagen bezeichnet, also "Bakterienfresser". Die wie Mondlandefähren aussehenden Mikroorganismen sind hoch spezialisiert, sie interessieren sich in der Regel nur für eine Bakterienfamilie, menschliche, tierische oder pflanzliche Zellen befallen sie nicht.
Seit der Billigung durch die FDA dürfen US-Metzger Wurst, Schinken- und Putenaufschnitt mit einem Spray der Firma Intralytix behandeln, das sechs Phagen-Arten enthält, die es auf das Bakterium Listeria monocytogenes abgesehen haben. Diese Mikroben gelangen über verdorbene Lebensmittel in den menschlichen Körper und können dort Darmerkrankungen auslösen.
Gefürchtet sind die schwer wiegenden Komplikationen, die eine solche Infektion in einzelnen Fällen verursacht: Menschen mit einem geschwächten Immunsystem erkranken beispielsweise an Hirnhautentzündungen; schwangere Frauen erleiden Fehlgeburten. Allein in den USA infizieren sich jedes Jahr Tausende Menschen, etwas 500 sterben in Folge der Infektion. Die Bakterien-Viren der Firma Intralytix töten die Schadmikroben, ohne auch den essenden Menschen zu beeinträchtigen.
Mit Keimen gegen Gammelfleisch – das mag auf den ersten Blick etwas pikant wirken, ist aber gar nicht so absurd. Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Phagen als Antibiotika-Ersatz gehandelt. Statt die humanschädlichen Keime mit Antibiotika zu vergiften, versucht man sie stattdessen ihrerseits durch Krankheitskeime zu infizieren. Die nicht unumstrittene Phagentherapie kann in manchen Fällen auch dann noch helfen, wenn auch das letzte Antibiotikum gegen multiresistente Problemkeime versagt hat.
Ersonnen wurde die Phagentherapie von dem franko-kanadischen Mikorbiologen Félix d'Herelle, der Anfang der 1930er Jahre das Eliava-Institut für Phagenforschung in Georgien gründete. Der schweizer Journalist Thomas Häusler hat diesem "Ausweg aus der Antibiotika-Krise" ein Buch gewidmet und beschreibt darin unter anderem, wie man mit Phagen-Duschen Hühnerställe salmonellenfrei bekommt.
Im Kampf gegen die Fleischmafia wird dieses Spray allerdings nicht helfen können. Für bayerisches Gammelfleisch in Ämtern und Kühlhäusern ist selbst die stärkste Phagenmischung zu schwach. (wst)