Die Vermessung der Nacht
Die meisten Deutschen sind chronobiologische "Eulen", und meistens leben sie gegen ihre innere Uhr – ihr sozialer Jetlag hat weitreichende Folgen.
- Hanno Charisius
Ich bin eine Lerche, so nennen Chronobiologen freundlicherweise notorische FrĂĽhaufsteher. Morgens um halb fĂĽnf in den Zug: Kein Problem fĂĽr mich. Wenn andere noch locker anderthalb Runden Schlaf vor sich haben (ein Schlafzyklus dauert im Schnitt 90 Minuten), stehe ich auf und warte, dass der Rest der Welt auch erwacht. Das Gegenteil von Lerchen sind Eulen, das sind die, die morgens nicht aus dem Bett kommen und abends dafĂĽr nicht hinein, stattdessen bis weit nach Mitternacht fidel sind und die besten Ideen haben. Lerchen zieht es schon kurz nach der Tagesschau zu Bett.
Man kann sich nicht aussuchen, ob man als Lerche oder als Eule auf die Welt kommt, das ist genetisch festgelegt und kann mit diesem kostenlosen Testbogen bestimmt werden, den Forscher vom MĂĽnchner Zentrum fĂĽr Chronobiologie entwickelt haben.
Die meisten Deutschen sind Eulen, und meistens leben sie gegen ihre innere Uhr. Weil es zum Beispiel die Arbeit erfordert, müssen sie früher aufstehen, als ihr Körper will. Sozialen Jetlag nennen die Chronobiologen das. Die Rhythmusstörung ist bei extremen Chronotypen genauso gravierend wie bei Schichtarbeitern. Und anders als beim kurzen Reise-Jetlag ist das tägliche Arbeiten gegen die innere Uhr nicht nur anstrengend und lästig, sondern kann sogar krank machen: Schlafprobleme, Bluthochdruck, Verdauungsbeschwerden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die typischen Folgen eines Lebens gegen die innere Uhr.
Taktgeber unserer Körperchronografen ist das Hormon Melatonin, eine Art natürliches Schlafmittel, das der Körper zwischen Einbruch der Dunkelheit und sehr, sehr frühem Morgen produziert. Morgens ist der Melatoninspiegel im Blut wieder niedrig, und der Stoffwechsel fährt wieder hoch. Manchmal wird Melatonin als Schlafmittel verschrieben, manche Mediziner empfehlen es auch zur Vorbeugung des Reise-Jetlags: "Reise Richtung Osten: 5 Milligramm Melatonin am Abreisetag zwischen 18:00 und 19:00 Uhr Lokalzeit einnehmen. Bei der Ankunft täglich 5 Milligram Melatonin zwischen 22:00 und 23:00 Uhr Lokalzeit während 4 Tagen einnehmen. ...".
Als Dauertherapeutikum gegen den sozialen Jetlag, in dem Millionen Deutsche wegen zu früher Arbeits- oder Schulzeiten stecken, scheint die pharmakologische Justierung der inneren Uhr nicht das richtige Mittel zu sein. Da müssen flexiblere Arbeitszeiten her, von denen Eulen und Lerchen gleichermaßen profitieren würden. Oder gleich eine Gesellschaftsentscheidung: Wir sind mehrheitlich Spätaufsteher (wie übrigens auch die anderen Europäer), also lasst uns das Tagesgeschäft um wenigstens eine Stunde nach hinten verschieben. Als Stichtag bietet sich der 29. Oktober an. Da wird die Uhr ohnehin auf Normalzeit zurückgedreht. Beim Umstellen der inneren Uhren könnte man auch gleich noch eine Stunde draufschlagen und fortan die Tagesschau um 21:00 schauen. Dann bestehen wir Lerchen aber auf ein verbrieftes Recht auf Mittagsschlaf im Betrieb.
"Aber geht nicht einer Eulen-Gesellschaft das Öl schneller aus", hat Kollege Niels Boeing gefragt, nachdem ich ihm meinen Vorschlag unterbreitet hatte. Tja, mag sein, dass der Primärenergieverbrauch durch die Verschiebung des Alltags nach hinten steigen würde. Andererseits wird weniger Lebensenergie durch ein Leben gegen die innere Uhr vernichtet. Außerdem stünden dem höheren Energieverbrauch niedrigere Kosten bei der Gesundheitsversorgung gegenüber - weniger Weckerklingeln macht weniger Bluthochdruck -, eine Reihe von ausgeschlafeneren Gehirnen, die vielleicht einmal eine gute Idee, haben das Energieproblem zu lösen und mehr Menschen, die morgens lächeln. (wst)