Der Reis der Freiheit

Nicht immer ist es egal, wenn ein Sack Reis umfällt. Sind zum Beispiel gentechnisch veränderte Körner drin, dann kann das schon mal bis in die Regale deutscher Supermärkte reichende Folgen haben.

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Von
  • Hanno Charisius

Ende August hatten die USA die europäischen Behörden gewarnt, dass in kommerziell angebauter Langkornreis-Exportware Spuren einer gentechnisch veränderten Sorte gefunden worden waren. Doch da war es schon zu spät. Seit EU-Verbraucherkommissar Markos Kyprianou die Mitgliedsstaaten am 22. August zu stärkeren Kontrollen aufgefordert hat, ist der Reis der genveränderten Sorte LL 601 fast überall in Europa aufgetaucht. Europäische Mühlen fanden sie in jeder fünften von 162 Proben. Discounter Aldi Nord musste gar seinen Reis "Bon-Ri" aus den Regalen nehmen, weil Greenpeace (hier im Experteninterview mit sich selbst) darin LL 601-Körner gefunden hatte. Ein Umfangreiche Zusammenstellung von Artikeln zum Themen gibt es hier.

Den wirklichen Schaden hat nicht der Discounter, sondern der Pharma- und Chemiekonzern Bayer. Wahrscheinlich seit Monaten importiert die Welt mit US-amerikanischem Langkornreis auch LL 601. Diese Sorte wurde vor Jahren von Aventis CropScience entwickelt, die Firma stellte ihre Freilandversuche aber bereits im Jahr 2001 ein, nachdem eine andere manipulierte Sorte sich als widerstandsfähiger gegen das hauseigene Unkrautvernichtungsmittel Liberty Link erwiesen hatte. Ein Jahr später übernahm Bayer Aventis CropScience und damit die juristische Verantwortung für die genetisch veränderte Saat gewissermaßen als Teil des Einkaufspreises.

Nun taucht das alte Korn in einem der wichtigsten Nahrungsmittel der Welt auf. Und fast noch schlimmer: Niemand weiß, wie es dort hinein gekommen ist. Vermutlich haben sich ein paar Körner auf schlecht gereinigtem Ackerwerkzeug aus dem Labor ins Freiland gestohlen und sich dort prächtig vermehrt in den vergangenen vier Jahren. Das kann man Bayer nicht einmal zu Vorwurf machen. Da waren sie ja noch gar nicht da.

Der Fall lehrt zwei Dinge: Erstens, aus ein paar sorglos verstreuten Reiskörnern wird schnell ein ganzer Silo voll. Zweitens geht Bayer denkbar schlecht mit der Situation um. Mit Krisenmanagement hat man bei Bayer ja einige Erfahrung – Lipobay lässt grüßen. Wenn der Konzern daraus etwas gelernt hat, dann wohl das Falsche. Bayer mauert und übt sich im wohlgeordneten Rückzug mit streng geordnetem Kommunikationsfluss nach außen. Findet man als Deutscher Verbraucher Informationen zu dem Fall auf der Bayer CropScience Webseite? Nein, tut man nicht. Und damit lässt das Unternehmen schon die heute einfachste Möglichkeit Kontaktaufnahme aus.

Der Reis ist eine Altlast. Damit muss ein Konzern umgehen können, insbesondere wenn er sich sicher ist, dass das Produkt unschädlich ist. Aus diesem Grund hat Bayer ja nun auch nachträglich die Zulassung in den USA beantragt. Doch statt rückhaltlos aufzuklären gibt es streng dosierte, schwammige Standard-Informationshappen. Wie soll man dann anders als den Eindruck gewinnen, dass es wirklich ein Problem gibt, das größer ist als ein umgefallener Sack Reis. (wst)