Feiner Tod

Nehmen Sie an, Sie könnten jedes Jahr 18.000 Menschen das Leben retten. Was wären Sie bereit dafür zu geben?

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Matthias Urbach

Glaubt man aktuellen epidemiologischen Schätzungen, ließen sich jedes Jahr allein in 23 europäischen Großstädten 18.000 „vorzeitige Tode“ vermeiden, würde die EU ihren geplanten neuen Grenzwert für kleinste Staubpartikel (unter 2,5 Mikrometer) den Empfehlungen der WHO anpassen. Doch die EU zählt für die so genannten PM2.5-Partikel zweieinhalbmal höher. Anfang des Monats verabschiedeten deshalb mehrere medizinische Verbände einen flammenden Appell an die europäischen Gremien, dem Stand der Forschung endlich Rechnung zu tragen.

Doch geht es nach dem Willen der Konservativen, Liberalen, sowie einiger Sozialdemokraten im EU Parlament, wĂĽrde sogar der bereits bestehende Grenzwert fĂĽr die so genannten PM10-Partikel (kleiner 10 Mikrometer) aufgeweicht: Demnach dĂĽrfte der seit 2005 geltende Feinstaubgrenzwert an 55 Tagen im Jahr ĂĽberschritten werden. Zurzeit sind lediglich 35 Ăśberschreitungen erlaubt. Kommenden Dienstag wollen die Parlamentarier darĂĽber beraten.

Dabei haben sich die Hinweise erhärtet, dass solche Mikropartikel äußerst schädlich für Kreislauf und Atemwege sind, seit die EU-Kommission 1999 erstmals eine Feinstaubrichtlinie auflegte. In der aktuellen Ausgabe von Epidemiology veröffentlichten zwei Forscherteams vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit GSF nun erstmals Langzeitbeobachtungen von 4800 Frauen über 50 Jahren , die ein weiteres Mal einen drastischen Anstieg von Herz-Kreislauf-Versagen und tödlichen Atemproblemen durch den Feinstaub nahe legen.

Nun muss man bei solchen statistischen Vergleichen von Daten, wie sie in der Epidemiologie üblich sind, immer ein wenig vorsichtig sein. Doch die gemessenen Korrelationen in der GSF-Studie sind beeindruckend: Steigt der mittlere PM10-Feinstaubanteil pro Kubikmeter Luft um 7 Mikrogramm, nimmt auch die Sterblichkeit zu – und zwar um ein Drittel! (Der Feinstaubmittelwert über allen Regionen lag bei 44 Mikrogramm.) Die größten Feinstaubbelastungen findet man an Hauptverkehrsstraßen in den Großstädten, und rund die Hälfte der giftigen Partikel stammen aus Dieselfahrzeugen (Uba-Hintergrund zum Feinstaub siehe hier). Ursache sind die jüngsten Fortschritte in der Motortechnik, die den Diesel sparsamer, geschmeidiger und beliebter gemacht haben. Damit wurden aus den groben, sichtbaren (aber vergleichsweise harmlosen) Rußteilchen kleinste Partikel, die bis in die letzten Lungenverästelungen wandern können. Ein unerwarteter Racheeffekt der Technik.

Ein simpler Rußfilter könnte die Partikel am Auspuff wieder einsammeln. Längst schon könnten sie serienmäßig vorgeschrieben sein, doch Autohersteller wissen ihre Einführung seit Jahren im Verbund mit willfährigen Politikern zu verschleppen. Auch eine steuerliche Förderung des Feinstaubfilters lässt seit drei Jahren auf sich warten.

Zurzeit stehen einige unionsgeführte Bundesländer im Bundesrat auf der Bremse. Vorgeblich wollen sie Einnahmeausfälle von rund 240 Millionen Euro für die Bundesländer vermeiden. Das Steuerloch wäre vermeidbar, würde man einfach die Steuerlast auf schmutzige Dieselautos verlagern – das wollen die Länder freilich auch nicht.

Ähnlich unrühmlich verhielten sich die Städte und Gemeinden. Fünf Jahre hatte ihnen die EU-Kommission Zeit gegeben, sich auf die PM10-Grenzwerte von 1999 einzustellen. Doch als die Regel 2005 in Kraft trat, hatte kaum eine Stadt etwas unternommen. 35-mal im Jahr darf der Grenzwert überschritten werden, dieses Jahr haben es fünf Städte schon auf über 60 gebracht. Und das Jahr ist noch lang. Auf den Seiten des Umweltbundesamtes kann jeder einsehen, wie es um seine Gegend bestellt ist.

Während der Libanon-Einsatz der Bundesmarine seit Wochen die Gemüter erregt, findet das aktuelle Geschacher um den Killerstaub kaum Beachtung. Selbst wenn die gesamten deutschen Einsatzkräfte in der libanesischen See absaufen würden, wären nicht einmal ein Bruchteil der Opfer zu beklagen, die allein konsequentere Feinstaubgrenzwerte Jahr für Jahr retten könnten. (wst)