Widmungstechnologie
Ein Mann und ein paar Buchstaben - die Parodie auf eine Behörde, das freundliche Signieramt.
- Peter Glaser
Der auch für seine sechs Frauen bekannte Heinrich VIII. von England (1481 bis 1547) war zeitlebens nicht davon zu überzeugen, für die alltägliche Verwaltungsarbeit Interesse aufzubringen. Staatspapiere blieben häufig tagelang ohne seine Unterschrift. In den Jahren nach 1540 wurde es so schwierig, seine Signatur zu bekommen, dass ein Stempel als Ersatz angeschafft wurde.
Sieht man davon ab, dass ich kein König bin, war's bei mir ganz ähnlich.
Wobei sogar noch eine Verbindung ins Feudale da wäre, die jedem Österreicher (ich bin einer) eigen ist, der säkularisierte Ausklang des vormals burgundischen, von den Habsburgern nach Spanien exportierten und anhin so genannten spanischen Hofzeremoniells nämlich, vulgo die österreichische Höflichkeit. Sie gebietet dem Schriftsteller, seine Leser möglichst zuvorkommend zu behandeln. (Auch der deutsch-österreichische Informatiker Christian Klaus Gotschall beispielsweise listet unter den Protokollen, die er beherrscht, noch vor TCP/IP, SMTP, HTTP, POP2 und POP3 die "österreichische Höflichkeit")
Immer wieder bin ich durch die Bitte um eine Widmung in Verlegenheit geraten. Ich schreibe schneckenhaft, sprachmikroskopiere gerne und sehe mich durch den Wunsch nach einer Widmung jählings einer lyrischen Kürze ausgesetzt, die mir, da ich der festen Ansicht bin, dass unsere Zeit eine prosaische ist, nicht als angemessener Ausdruck erscheint. In einer solchen Stimmung fällt mir aus Protest oder Verzweiflung nichts ein, was die Lage verschlimmert.
Dann schenkte mir mein Freund padeluun, der ein besonderes Empfinden fĂĽr derlei Dinge hat, einen Stempel. Einen kleinen glanzlackierten Holzstempel mit Rundknauf, wie man ihn aus Amtsstuben kennt. Der Stempelabdruck lautete
Dieses Buch ist signiert.
Peter Glaser
Jahrelang hat der Stempel mich und meine Leser glücklich gemacht. Ich konnte variieren, etwa einer manchmal gewünschten Redundanz stattgeben und zu dem Stempelabdruck noch handschriftlich unterschreiben oder Ort und Datum vermerken. Ich war nun die Parodie auf eine Behörde, das freundliche Signieramt. Dann verlor ich den Stempel auf einer Lesereise.
Zu meinem nächsten Geburtstag schenkten padeluun und seine Partnerin Rena Tangens mir vier Signierstempel, jeweils zwei aus Holz und zwei mit eingebautem Stempelkissen. Ich habe nun zwei Widmungstexte, zwischen denen die Leser auswählen können (und auch auf Ämtern sollte man sich Stempel aussuchen können).
Da ich viel mit Maschinen zu tun habe, gerade deshalb, interessiert es mich nicht, denkbare weitere Automatisierungspotentiale beim Widmen auszuschöpfen.
Vor kurzem hat beispielsweise die kanadische Science Fiction-Autorin Margaret Atwood sich eine Roboterhand namens LongPen konstruieren lassen, die von ihr fernsteuerbar fĂĽr sie BĂĽcher signiert. Die Handbewegungen der Autorin werden dabei auf die Roboterhand ĂĽbertragen. Ăśber einen Bildschirm neben der Hand kann die Autorin nach wie vor mit den Fans in Verbindung treten. Die Fahrt zur Signierstunde spart sie sich dadurch.
Anfang der achtziger Jahre fing ich an, mich aus meinen Lesungen wegzurationalisieren (hier eine experimentelle, analoge Frühform). Nach einigen Auftritten mit dem Computer als neuartiger Entertainmentmaschine schickte ich eine Weile jedem, der mich zu einer Lesung einlud, eine Diskette nebst Bedienungsanleitung für einen Operateur sowie eine Audiokassette mit dem Lesungstext. Sowas kann man ein paar Mal machen. Ich habe dann jahrelang kaum gelesen; seit ich wieder lese, lasse ich den Computer meist weg. Mich freut, wie viel man mit so wenig machen kann: ein Mann und ein paar Buchstaben. Und dafür ist, sofern jemand an der Freude teilhaben möchten, ein Stempel genau richtig. (wst)