Usability 0.9
Das real existierende Web 2.0 ist ein technisches Monstrum, das in Sachen Benutzerfreundlichkeit und Informationsdesign nichts zu bieten hat auĂźer der Ereigniskarte von Monopoly: "ZurĂĽck zum Start".
- Niels Boeing
In einem Forum habe ich kürzlich die Forderung gelesen, "Web 2.0" zum Unwort des Jahres zu erklären. Die Bezeichnung hat unter Digerati bereits denselben haut goût wie "dotcom" in der Endphase der New Economy. Bei aller Sympathie für Bürgermedien und soziale Webdienste: Hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit und Informationsdesign kann ich im Web 2.0 keinen Fortschritt erkennen, der den Namen rechtfertigen würde.
Nehmen wir mal das besonders populäre YouTube.com. In seiner Gestaltung ist es nicht über den Stand hinausgekommen, den Amazon schon 1998 erreicht hatte. Auch der Videodienst versucht, den Informationsoverkill, den es auf seinen Servern ansammelt, mit einer Navigation aus Registerkarten und Unmengen kleiner Linkkästen zu bändigen. Aber die bringen den Nutzer nur von Hölzchen auf Stöckchen. Sicher ist es im Interesse von YouTube, seinen Dienst als Zerstreuungsmaschine anzulegen, die zig Klicks und damit hübsche Werbeeinnahmen generiert. Aber wer außer Schülern, Studenten und anderen Zeitmillionären kann sich das antun?
Auch das – immerhin besser gestaltete – Flickr.com bringt mich regelmäßig zur Verzweiflung. Binnen Minuten bin ich beim Surfen durch Fotomassen in irgendwelchen Themenclustern gestrandet, die einem Labyrinth gleichen, drehe mich im Kreis, "Schwarm", "Fische", "Vögel","Himmel" oder doch wieder "Schwarm" - wo wollte ich noch mal hin? Einzige Rettung: zurück zum Start – ein Erlebnis, dass ich auch bei anderen sozialen Netzwerken ständig habe. Kann es wirklich sein, dass die Usability des Web 2.0 nicht mehr zu bieten hat als die gute alte Ereigniskarte bei Monopoly?
Der Blog-Standard, der sich inzwischen herausgebildet hat, ist ebenfalls noch nicht das gelbe vom Ei: Mal abgesehen von den unüberschaubaren Linkhaufen in Blogrolls und Archiven gibt es keine vernünftige Darstellung von Kommentar-Threads zu einem Eintrag – eine Krankheit, die Blogs mit den "traditionellen" Foren teilen. Man ist ständig am Hin-und-her-blättern, da wird in einem Blog auf einen älteren Eintrag verlinkt, und von da auf einen noch älteren... (das ist in diesem Blog leider nicht anders).
Das wahre Web 2.0 werden wir erst dann haben, wenn die nächste Stufe von Usability-Konzepten und Informationsarchitekturen erreicht ist, die das Problem lösen, Hypertext-Konglomerate mit Inhaltslandkarten, neuen History-Funktionen und der parallelen Darstellung aufeinander bezogener Dokumente zu versehen. Das real existierende Web 2.0 ist dagegen ein technisches Monstrum, das nur den Stillstand in der Entwicklung der Interfaces zementiert, den Koryphäen wie Bruce Tognazzini, Scott Berkund oder Tim Berners-Lee konstatieren.
Bis auf weiteres gilt leider das Urteil des Kollegen Glaser: „Die Entwicklung der Links allerdings – immerhin das zentrale Prinzip der Vernetzung im Online-Universum – ist vorerst auf dem Stand eines Rohrpostsystems stehen geblieben.“ (wst)