Der Ă–ko-Ablass

Umweltbewusstsein und soziales Engagement kann man nicht mit Bio-Produkten und MĂĽlltrennung erkaufen

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 2 Min.
Von
  • Hanno Charisius

Wundern in der Mittagspause: Springt ein Mann aus seinem SUV, geht federnden Schritts in den Bio-Supermarkt an der Ecke, um sich ökologisch korrekte Kalorien für die Tageshälfte zu verschaffen. Dass Lebensmittel aus kontrolliertem Anbau nur von Wollsockenträgern gekauft werden ist längst Folklore.

Sicherlich ist es falsch allen, die im Ökoladen einkaufen auch Umweltbewusstsein zu unterstellen. Wahrscheinlich zahlen die meisten den Mehrpreis mit Hoffnung auf höhere Qualität. Aber das Bild aus der Mittagspause reiht sich in eine Reihe von Kleinbeobachtungen in unserem Bekanntenkreis. Man kauft Bio-Tomaten und Fleisch aus Massentierhaltung. Man trennt Müll und fährt schnelle Autos. Oder man fährt Hybrid-Antrieb und Liegefahrrad, macht aber im Jahr zwei Flugfernreisen. Man kauft Recyclingpapier aber keinen Ökostrom. Der finanzielle oder zeitliche Umweltbewusstseins-Mehraufwand im Kleinen ist der Ablass für Frevel im Großen.

Unsere Mittagspausen-Hypothese bekommt nun wirtschaftstheoretische Untermauerung. Berechnungen des Ökonomen Matthew Kotchen von der University of California in Santa Barbara zeigen, dass etwa der Einkauf im Bio-Supermarkt auf Kosten anderer Umweltschutzmaßnahmen im Privatbereich geht. Obwohl Öko-Produkte einen positiven Einfluss auf die Umwelt und das Leben der Menschen haben sollten, können sie durchaus einen eher negativen Effekt auf beides ausüben, schreibt Kotchen in seinem Aufsatz (englische pdf-Datei) im Journal of Political Economy.

Das zeigt nurmehr, dass man Umweltbewusstsein und soziales Engagement nicht mit Bio-Produkten und Mülltrennung erkaufen kann. Bio kaufen, Yoghurt-Deckel sammeln und auf Altpapier schreiben können diese Welt tatsächlich ein kleines bisschen besser machen, wenn man darüber nicht andere Dinge aus dem Blick verliert. Auch technische Lösungen wie verbesserte, umwelt- und menschenschonendere Produktionshilfen, Müllsortieranlagen und Autos mit Hybridantrieb sind kein Ersatz für eine Gesinnung. Diese Welt ist zu klein, um jeden Menschen mit Bio-Produkten bei westlichen Konsumstandards zu versorgen. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich solch eine Lebensweise nur die wenigsten Menschen leisten könnten: Bio für alle würde vor allem etwas weniger für alle bedeuten. (wst)