Kalifornische Stammzell-Strategien
Das CIRM, das Nervenzentrum der kalifornischen Stammzellinitiative, hat ein Strategiepapier für die nächsten zehn Jahre formuliert. Andere Staaten könnten sich das zum Vorbild nehmen.
- Hanno Charisius
In der vergangenen Woche veröffentlichte das California Institute for Regenerative Medicine, kurz CIRM, quasi das Nervenzentrum der kalifornischen Stammzellinitiative, ein Strategiepapier, das die Ziele und Prioritäten der nächsten zehn Jahre skizziert.
Im November 2004 hatten 59 Prozent der Kalifornier per Volksentscheid für die Initiative (Technology Review berichtete unter dem Titel "Der neue Goldrausch" ausführlich darüber in Heft 7/05) gestimmt und damit für Forschungsfreiheit in Opposition zu George W. Bushs hartem Kurs kontra Stammzellforschung. Jährlich rund 300 Millionen Dollar will das CIRM zehn Jahre lang verteilen. Bislang investiert die US-Regierung, in erster Linie über die National Institutes of Health (NIH), gerade einmal 25 Millionen Dollar im Jahr in Forschung mit embryonalen Stammzellen.
Die noch nicht entgĂĽltige Fassung des "Strategie-Plans" bietet 149 Seiten spannende LektĂĽre (4,8 MB groĂźe pdf-Datei). Im Stile einer Planwirtschaft werden je zehn FĂĽnf- und Zehn-Jahres-Ziele abgesteckt, an denen die Initiatoren sich messen lassen wollen. Zwei Dinge fielen dem amerikanischen Bioethiker und Ko-Autor des Weblogs blog.bioethics.net Jim Fossett besonders auf:
1. Die Macher der Initiative üben sich in Bescheidenheit. Anders als noch vor zwei Jahren drosseln sie die Erwartungen auf einen raschen therapeutischen Nutzen der Stammzellforschung. Es sei unwahrscheinlich, dass sich innerhalb des Zeithorizonts von zehn Jahren therapeutischen Anwendungen für den "routinemäßigen klinischen Einsatz" entwickeln lassen. Immerhin wolle man wenigstens eine klinisch funktionierende Zelltherapie für eine Erkrankung entwickeln und zwei bis vier Anwendungen bis hin zur klinischen Erprobung treiben.
2. Der Plan sieht wenigstens 250 Millionen US-Dollar für den Bau neuer Forschungseinrichtungen vor, die unabhängig von staatlichen Restriktionen arbeiten können. Die anderen Mittel sollen als Zuschüsse an Universitäten und private Forschungseinrichtungen zwischen San Diego und Sacramento vergeben werden. Was auf den ersten Blick verschwenderisch erscheint, da es ja hinreichend viele Forschungskapazitäten in Kalifornien gibt, bedeutet jedoch auf lange Sicht vollkommene Freiheit für die kalifornische Stammzellforschung, die sich in ihren "NIH-freie Zonen" nicht durch Bundesrecht beschränken lassen muss.
Andere Staaten könnten sich das zum Vorbild nehmen. Nicht viele werden so viel Geld aufbringen können wie der bevölkerungsreichste Staat der USA, aber auch mit weniger ließe sich der religiös motivierten Wissenschaftspolitik der Regierung Bush forschen. Vielleicht gibt es am Rande der Kongresswahlen im November bereits weitere Volksentscheide für bundesstaatliche Wissenschaftsförderung unabhängig von Washingtoner Ansichten.
Nachtrag 17.10.2006:
Schwupps, schon sind Stammzellen ein Wahlkampfthema in den USA. Die Organisation Majority Action, eine Hilfsorganisation für die Interessen der Demokraten, prangert in einem TV-Spot (YouTube-Video) die konservative Haltung des republikanischen Kongressabgeordneten James Walsh und einiger seiner Kollegen an, die ganz auf Linie mit der Bush-Administration keine öffentlichen Gelder für Forschung an embryonalen Stammzellen hergeben wollen.
"Wie kann es sein, dass er entscheidet, wer leben darf und wer stirbt?", fragt ein junges Mädchen in die Kamera. "Ist er ein Arzt? Ist er ein Wissenschaftler?", sekundieren zwei weitere Darsteller.
Die Haltung gegenüber der Stammzellforschung könnte zu einem der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen den Kandidaten werden. Mal sehen, ob die pro Stammzellen eingestellten Patienten-Organisationen und Lobbyverbände genügend Wähler mobilisieren können, um den Ausgang der Abstimmung zu beeinflussen. (wst)