Wem die Nanosekunde schlägt
Im Internet kann die Ewigkeit von sehr begrenzter Dauer sein.
- Peter Glaser
Als der kalifornische SF-Autor William Talcott im Sommer an Krebs starb, konnte seine Tochter die meisten seiner vielen Fans und Freunde auf der ganzen Welt nicht benachrichtigen. Talcott hatte das Paßwort zu seinem Online-Account und seinem Online-Adressbuch mit ins Grab genommen. CNet berichtet, dass es immer häufiger zu solchen Problemen kommt, wenn Verwandte oder Nahestehende sterben. Letztes Jahr hat der Vater eines im Irak gefallenen Soldaten den Zugang zum E-Mail-Account seines Sohnes bei Yahoo eingeklagt, wo man sich erst auf die Datenschutzrichtlinien berufen und die Herausgabe der Daten verweigert hatte. E-Mail-Dienste wie Google oder AOL lassen sich inzwischen eine Sterbeurkunde und eine Vollmacht vorlegen und gewähren danach Zugriff auf den Account des Dahingegangenen.
Mit Maschinenhilfe entsteht eine eine neue, virtuelle Art von Tod und Gedächtnis. In dem Film "Necrocam" der niederländischen Künstlerin Ine Poppe erfüllen Jugendliche einem der ihren einen bizarren letzten Wunsch - sie lassen eine Webcam im Sarg anbringen. Wer möchte, kann den Verwesungsprozess der Leiche beobachten und dessen Geschwindigkeit durch ein ebenfalls installiertes Heizelement verändern. Es war ihr 15jähriger Sohn Zoro, der Poppe auf die Idee gebracht hatte. Während der Recherchen zu dem Film hatte sie erfahren, dass Zoros Vater, der österreichische Künstler Franz Feigl, an Krebs erkrankt war. "Franz sagte mir, wenn du eine richtige Webcam einsetzen willst, kannst du meinen Körper verwenden” - Poppe erwog die Idee ernsthaft, verwarf sie aber, um auf die Gefühle der Familie Rücksicht zu nehmen. Franz Feigl starb im September 2001. Links im Internet, die auf seine erste Homepage verweisen, führen heute ins Nichts (sic!) respektive auf die Homepage eines Softwareunternehmens. Ewiges Gedenken im Netz kann von kurzer Dauer sein.
Acht Jahre lang hatte der Gladbecker Bernd Bruns mit Behörden um eine Grabplatte für die letzte Ruhestätte seiner Mutter gekämpft, auf der auch die Internet-Adresse der von ihm eingerichteten Gedenkseite verzeichnet ist. Inzwischen hat die Friedhofsleitung nachgegeben. Der Familie der Schwedin Anna-Lena Hashmi war das, ohne Behördenprobleme, bereits im August 1999 gelungen. Auf ihren Grabstein ließen die Kinder der Verstorbenen eine Web-Adresse einmeisseln, unter der Bilder, Reiseberichte und Lieblingsrezepte der Mutter zu finden waren. Der Link ist inzwischen tot. Wer im Netz nach Anna-Lena Hashmi sucht, wird nur noch in einer Forschungsarbeit fündig - über Todenanzeigen in schwedischen Tageszeitungen.
Der Tod im Internet: Links (wst)