Technisches Empowerment von unten

Die Existenz einer deutschen "Unterschicht" schreckt den Politikbetrieb auf. Pauschal auf mehr Bildung zu setzen reicht nicht - es geht um eine Technikkompetenz, die andere Ziele hat als nur Innovation fĂĽr den Weltmarkt.

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Von
  • Niels Boeing

Die Republik streitet mal wieder – eigentlich streitet sie immer –: nach der Gesundheitsreform nun über die Armut in Deutschland und eine von SPD-Chef Kurt Beck diagnostizierte „Unterschicht“. Millionen, die je nach Standpunkt abgehängt, hoffnungslos, ungebildet oder leistungsunwillig sind. Einig sind sich die meisten Kommentatoren nur darin, dass gering Qualifizierte in der neuen „Wissensgesellschaft“ keine guten Aussichten haben, weil die Bedeutung von technischem Fachwissen über handwerkliches Können und die reine Bedienung von Maschinen hinaus enorm zugenommen hat.

Die reflexhafte Antwort ist „mehr Bildung“. Dagegen hat niemand etwas, deshalb ist diese Forderung ja auch über Parteigrenzen hinweg so beliebt. Worin aber soll dieses Mehr an Bildung eigentlich bestehen?

Mit anderen Bildungsstrukturen und üppigerer Finanzierung allein ist es nicht getan. Es geht auch darum, ein technisches Proletariat zu beseitigen, dessen Technikkompetenz sich darin erschöpft, über Hightech-Volksempfänger Brot und Spiele empfangen zu können.

Für die meisten Sonntagsredner erschöpft sich eine gesteigerte Technikkompetenz in der Wissensgesellschaft leider darin, am Innovationswettlauf der globalisierten Wirtschaft teilnehmen zu können – also sich in den Dienst des Weltmaschinenbauers Deutschland stellen und in die Hightech-Warenproduktion einreihen zu können. Die viel beschworene Bildungsoffensive kennt nur dieses eine Ziel. Wer kann sich dafür schon begeistern?

Vielmehr käme es darauf an, die Menschen in die Lage zu versetzen, überhaupt produzieren zu können, und zwar das, was zuerst ihnen selbst und ihrem lokalen Umfeld nützlich und verwertbar erscheint. Die Steigerung ihrer Technikkompetenz nicht an irgendeine Bedingung, was sie mit dieser anfangen wollen, zu knüpfen.

Wie das aussehen kann, zeigen die Fab Labs, die der MIT-Wissenschaftler Neil Gershenfeld initiiert hat: Hightech-Werkstätten für das Volk, die damit anspruchsvolle Dinge herzustellen, die den Weltmarkt nicht interessieren, aber für sie selbst äußerst wichtig sind. Gershenfelds erklärtes Ziel ist es, mit solchen Fab Labs langfristig die „Fabrication Divide“ zu überwinden und die Grundlagen für eine „technische Demokratie“ zu schaffen.

Für diese Vision wird er immer wieder als Träumer und naiver Gutmensch verunglimpft. Die ersten praktischen Versuche geben ihm jedoch recht, meine ich. Ein Beispiel ist das Fab Lab, dass er zusammen mit dem South End Technology Center im Bostoner „Unterschicht“-Stadtteil Tent City gründete. Dort lernt die örtliche Community, aus den Resten der Industriegesellschaft mit Präzisionswerkzeugen nun für den lokalen Bedarf zu produzieren. Nichts, was der Weltmarkt irgendwie gebrauchen könnte. Aber darum geht es nicht.

„Die ganze Aktivität war wie ein Chor aus technischen Stimmen, die sagten: ‚Ich bin ich. Ich existiere’“, schreibt Gershenfeld in seinem grandiosen Buch „Fab“, das für mich eines der wichtigsten Bücher zum Thema Innovation überhaupt darstellt.

Denn im Kern geht es darum, dass die „Abgehängten“ und „Leistungsunwilligen“ vor allem eins wiedererlangen möchten: Selbstachtung und Respekt. Die wird ihnen weder eine Bildungsoffensive, die sie nur zu weiteren Rädchen für den Hightech-Kapitalismus umrüstet, noch eine massive Ausweitung simpler Dienstleistungsjobs bringen – die Fähigkeit, im technischen Zeitalter selbstbestimmt produzieren zu können, hingegen sehr wohl, wie auch andere Fab Labs in Ghana, Indien und Südafrika zeigen.

Hierzulande ist viel von Innovationen die Rede. Eine Bildungsoffensive, die ein solches technisches „Empowerment“ von unten ermöglicht, ohne auf den Weltmarkt zu schielen, wäre eine Innovation ersten Ranges. (wst)