Weltraum-Ethik
Der Neuro-Ethiker Paul Root Wolpe berät die Nasa seit fünf Jahren in Fragen kosmischer Correctness.
- Hanno Charisius
Dieses hübsche Miniaturporträt im Philadelphia Inquirer ist eine schöne Gelegenheit, einmal daran zu erinnern, dass die US-amerikanische Weltraumbehörde Nasa bereits vor gut fünf Jahren einen Philosophen verpflichtet hat, der nicht nur über Fragen der kosmischen Correctness sinnieren soll, sondern auch ganz alltägliche Probleme zu lösen hat wie: Was macht man mit einem psychotischen Astronauten fernab der Heimat? Welchen Dosen kosmischer Strahlung darf man einen Raumfahrer aussetzen? Wie sollten sie sich auf Langzeitflügen – etwa zum Mars – untereinander verhalten? Die letzte Fragestellung ist das aktuelle Forschungsprojekt des Hofphilosophen der Nasa.
Der Neuroethiker Paul Root Wolpe vom Center for Bioethics an der University of Pennsylvania hat diese Aufgabe angenommen. Seither reist der Präsident der American Society for Bioethics and the Humanities und Experte für ethische Probleme im Weltraum, in der Psychiatrie und bei sexuellen Verhaltensstörungen zwei bis drei mal im Monat zum Nasa-Hauptquartier in Washington und geht auch bei den übrigen US-Raumfahrtzentren ein und aus. Sein Arbeitszimmer sei vollgestopft mit Weltraumspielzeug, Planetenmodellen und Nachbildungen des menschlichen Gehirns, schreibt Autorin Helen Hwang. An der Wand hängt ein Cartoon, der den "Nasa-Ethiker" parodiert.
Art Caplan, Wolpes Chef an der Universität, vergleicht die Aufgabe, eine Weltraum-Ethik zu schaffen, mit der Erkundung eines unbekannten Landes, Wolpe arbeite an den Schnittstellen zwischen Technik, Ethik und Medizin. Philosophische Terra incognita, deren Erschließung allerdings drängt. Immerhin werden bereits Operationen in Schwerelosigkeit durchgeführt.
Den akademische Freiheit gewohnten Neuroethiker Wolpe dürfte ein gewaltiger Kulturschock getroffen haben bei seinen ersten Kontakten mit der politisch allzeit heftig umzankten, militärisch streng strukturierten und extrem bürokratischen Weltraumbehörde. Am schwierigsten fiel es ihm anfangs, nicht frei seine Meinungen äußern zu können, wie er es als Wissenschaftler gewohnt war. Ein hochrangiger Nasa-Mitarbeiter erklärte ihm kurz nach seiner Einstellung: "Wann immer Sie im Namen der Nasa sprechen, repräsentieren Sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten." (wst)