Bis der Mensch es merkt

Bevor Politiker und Bevölkerung realisieren, dass sich das Klima der Erde verändert, beginnt die Natur bereits mit der Anpassung.

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Von
  • Hanno Charisius

Mit den steigenden Jahresdurchschnittstemperaturen sinkt die Zahl der Menschen, die noch am Wandel des Klimas zweifeln. Ist es nicht erstaunlich, dass ausgerechnet die vernunftbegabte Spezies Homo Sapiens von allen Lebewesen auf diesen Planeten am längsten braucht, um das zu realisieren?

Pflanzen und Tiere haben es längst bemerkt und sich entsprechend angepasst: Vor zehn Jahren noch zog etwa die Hälfte aller deutschen Amseln ins warme Winterquartier im Süden, die andere Hälfte blieb daheim. Heute leben die Amseln am Niederrhein das ganze Jahr über. Auch andere Zugvögel werden mehr und mehr zu Standvögeln. Und dafür sind noch nicht einmal die katastrophalen Veränderungen von 1,5 bis 3,7 Grad mehr Wärme notwendig, die das Umweltbundesamt (UBA) gemäß einer regionalen Modellrechung bis zum Jahr 2100 erwartet (20 Seiten Hintergrundpapier, pdf-Datei). Anfang Oktober hatte das UBA die Studie vorgestellt, die dynamische Klimasimulationen mit statistischen Daten aus der Klimabeobachtung verknüpft.

Schon heute treiben Blumen und Bäume früher als vor zehn Jahren, auch Vögel schlüpfen zeitiger und viele Lebensformen erweitern ihre Lebensräume Richtung Polkappen. Ende August berichtete ein spanisch/US-amerikanisches Forschungsteam im Forschungsjournal Science, dass Fliegen der Art Drosophila subobscura bereits mit genetischen Veränderungen auf die globale Erwärmung von etwas 0,5 Grad im Jahresdurchschnitt reagiert haben.

Neben den Versicherungen und Rückversicherungen sind die Forsten wahrscheinlich bislang der einzige Wirtschaftszweig der etwas vom Klimawandel mitbekommen hat. Der "Jahrhundertsommer" 2003 hat nicht nur, aber besonders in den weitläufigen Fichtenmonokulturen Bayers seine Spuren hinterlassen. Die Nadelbäume kommen mit der Trockenheit nicht gut zurecht und diese Anfälligkeit ist ökonomisch besonders bedeutsam, weil sie die am häufigsten angebaute Baumart in Deutschland ist. Sie wächst schnell und lässt sich gut verkaufen ist aber auch für die indirekten Auswirkungen des Klimawandels wie Schädlingsbefall durch Borkenkäfer und Windwurf durch extreme Stürme besonders anfällig, insbesondere wenn sie zu wenig Wasser bekommt. Laut Umweltbundesamt ist ein wirtschaftlicher Fichtenanbau zukünftig kaum noch möglich in unseren Breiten. Forstbetriebe wie die im vergangenen Jahr privatisierten Bayerischen Staatsforsten bauen die gefährdeten Bestände daher bereits systematisch in wesentlich robustere Mischbestände um, um für die Zukunft gewappnet zu sein.

Ich bin kein Klimaexperte aber mir scheint es einfacher zu sein, den Klimawandel abzuwenden als mit seinen Folgen zu leben.

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