LASS BRAIN HERAB
Es gibt nun KĂĽnstliche Intelligenz (KI), die man essen kann: eine Zusammenstellung von Nahrungsmitteln, die der Geistesleistungskurve von Tagungsteilnehmern aufhelfen soll.
- Peter Glaser
Es gibt nun Künstliche Intelligenz (KI), die man essen kann. Der Hotelier Thomas Althoff und einer seiner Küchenchefs, Marcus Graun, haben zusammen mit einem Diätologie-Institut mit dem albernen Namen "S-Lust" aus Köln etwas entwickelt, das sie “Brainfood” nennen – eine Zusammenstellung von Nahrungsmitteln, die der Geistesleistungskurve von Tagungsteilnehmern aufhelfen soll.
Man muß etwas genauer sagen, dass es *wieder* eßbare KI gibt, denn erste Anläufe zur Umsetzung des Versuchs, die Weisheit mit Löffeln zu fressen, gab es unter dem Brainfood-Label bereits in den achtziger Jahren, damals eine sehr amerikanische Erfindung. Nachdem zunehmend größere Teile zermürbender Geistesarbeit in Computer ausgelagert wurde, mußten die dadurch im menschlichen Denkmuskel entstandenen Freistellen, wie es auch im Schneiderhandwerk heißt, gefüttert werden. Brainfood gab eine überzeugende Antwort auf die Frage, weshalb sich Backsteine noch nicht als Nahrungsmittel durchgesetzt haben (weil ihr Vitamingehalt zu gering ist).
Wie wird man 100 Jahre alt? Man läßt die Lebensmittel weg und isst nur noch die Konservierungsstoffe. Was nötig ist, jemanden davon zu überzeugen, dass man Entfremdung essen kann, haben damals die Brainfood-Konstrukteure Durk Pearson und Sandy Shaw in ihren Ratgeber-Bestsellern zum Thema Lebensverlängerung zusammengetragen. Ein Aspekt, der gern hervorgehoben wurde, war die "Psychoaktivität" der Mittel. DENKEN war das heißeste Ding seit der Erfindung der wassergefüllten Hohlhantel. Dass die im Schrifttum der Brainfood-Freunde verbreitete Auffassung von Intelligenz als eine Art mentale Motorleistung mit Klugheit so viel zu tun hat wie vier Räder Käse mit einem Auto, durfte man nicht zu eng sehen. Ein eigens eingerichtetes Netzwerk ("LifeNet") versorgte die Brainfooder mit einer überzeugungsähnlichen Grundausstattung, deren Lieblingsworte "Neurotransmitter" und "freie Radikale" waren. Realität ist eine Erfindung für Leute, die schon alles haben.
Das moderne deutsche Brainfood ist dagegen bieder und bekömmlich. Althoffs “intelligentes Essen” kennt zum Frühstück Kräuterrührei, Roastbeef und erwärmtes Obst, zwischendurch kleine Gehirnjogging-Häppchen aus Rinder- und Thunfisch-Tartar und einen Think-Drink aus Buttermilch, Gurke, Minze, Molke, Apfel und Sellerie.
Marvin Minsky, einer der Väter der Künstlichen Intelligenz, weiß schon lange, dass die Geisteskräfte nicht von der Nahrung allein herausgefordert werden. Das Essen muß ein Geheimnis haben. Als Beispiel führt er an, weshalb Hacker so gern chinesisch essen, nämlich “weil sich die Speisen kryptisch anhören und weil sie durchnumeriert sind.” (wst)