Das 20-4-12 Projekt
Großbritannien geht per Rasterfahndung auf Talentsuche. Bei der Olympiade 2012 in London soll der größte und stärkste britische Kader antreten, den es je gab.
- Hanno Charisius
In sechs Jahren findet die Olympiade in London statt und das Gastgeberland möchte nicht nur als Ausrichter eine gute Figur machen, sondern bei den übernächsten Sommerspielen auch athletisch gesehen gut da stehen. Und weil es noch länger dauert, einen Sprinter, Stabhochspringer oder Schwimmer heranzuzüchten als ein Stadion hochzuziehen oder eine neue U-Bahn-Linie zu graben, beginnt das Vereinigte Königreich schon zum ersten Januar 2007 damit, „talentierte junge Athleten zu den Champions der Zukunft aufzubauen“.
Zwanzig Goldaspiranten sollen bis zum Sommer 2012 herangezogen werden, so lautet das Ziel der Initiative 20-4-12 (sprich: „twenty for twelve“). In einer Landesweiten Rasterfahndung auf Bolzplätzen und in Schul-Turnhallen sollen mehr als anderthalb Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren gesichtet werden. Gut 440 Millionen Euro lassen es sich die Briten kosten, um in sechs Jahren ihren stärksten Kader ins Rennen schicken zu können.
Wenn sie nur etwas früher angefangen hätten, die Briten, dann hätten sie bestens noch die Werkzeuge der Genforschung für ihre Zwecke einsetzen können. Sie hätten zum Beispiel systematisch nach jenem Gen-Defekt in der Bevölkerung suchen können, der den finnischen Skilangläufer Eero Mäntyranta bei den Winterspielen 1964 zum zweifachen Gold- und einfachen Silbergewinner machte. Der Defekt sorgt dafür, dass das Blutbildungshormon Erythropoetin (Epo) länger an seinem Rezeptor hängen bleibt als normal und somit mehr Blut gebildet wird. Quasi natürliches Blutdoping. Oder sie hätten gar nach passenden Eltern für einen solchen Athleten suchen können: Den defekten Epo-Rezeptor vielleicht von der Mama und dann noch ein besonders günstiges Verhältnis von Oberkörper zur Beinlänge vom Papa.
Doch die britischen Talentsucher interessieren sich nur für den Phänotypen des Nachwuchses: Wie schnell kommt er vom Startblock weg, wie biegsam ist er, wie stark, wie geschickt und wie motiviert. Gut so.
Aber geht es um die Grenzwerte des Menschmöglichen, ist es im Grunde naheliegend auch in der Konstruktionsanleitung des Körpers, in den Genen nach limitierenden Faktoren zu suchen. Als 19 Wissenschaftler im Mai 1998 im Wissenschaftsjournal Nature die Entdeckung eines menschlichen Gens für „physical performace“ bekannt gaben, dachte man einen Moment, das alles bestimmende Fitnessgen gefunden zu haben. Eine Variation (ein so genannter Polymorphismus) im Gen des Angiotensin-umwandelnden–Enzyms (ACE), so hatten die Wissenschaftler beobachtet, befähigt manche Bergsteiger zu höheren Leistungen und macht Gewichtheber stärker als die Konkurrenz. Ein einzelnes Gen, das maximale Muskelkraft und Ausdauerleistung beeinflusst scheint der ideale Ansatzpunkt um Supermänner zu züchten. Doch so einfach ist die Sache nicht: Inzwischen weiß man, dass das Problem viel komplexer ist. Hundert oder mehr Gene beeinflussen einzelne Leistungsmerkmale. Auch Mäntyranta hatte seine Erfolge nicht nur allein wegen einer Genmutation in seinen Zellen. Er musste genauso hart trainieren wie seine Kollegen und wurde 1972 des Amphetamin-Dopings überführt.
Der Sportmediziner Bernd Wolfarth von der TU München hat in einer Karte des menschlichen Genoms diejenigen Gene markiert, von denen Forscher glauben, dass sie die Leistungsfähigkeit beeinflussen. Über einhundert Fitnessgene haben er und seine Kollegen bereits lokalisiert. Ein grundlagenorientiertes Ziel, betont Wolfarth, ein praktischer Einsatz dieser Karte, um damit Sportler gezielt genmedizinisch zu verbessern, sei noch weit entfernt und ohnehin nicht Sinn der Kartierung. Meist sind es bloße Korrelationen zwischen einem auffallenden Genprofil und einem besondern Körperlichen Leistungsmerkmal ohne dass die Forscher die biologische Bedeutung der Genvariante wirklich verstehen wie im Falle Mäntyrantas.
Wie viel vom Spitzensportler durch die Gene bestimmt wird, wie viel durch Erziehung, Willen und Training ist ungewiss. Experten gehen von 25 bis 40 Prozent genetischem Talent aus. Den Rest bestimmen äußere Faktoren. Anders herum formuliert heißt das: Wenn alle äußeren Variablen bei zwei Athleten auf Optimum getrimmt sind, entscheiden die Gene über Sieg und Niederlage.
Gentests für die Talentsuche sind noch zu kompliziert. Aber eine Genanalyse könnte theoretisch schon heute darüber entscheiden, ob ein Talent gefördert wird oder nicht.
Schade. (wst)