Feuerreiter in der Leere

Nun wollen auch die Inder auf den Mond. Die indische Raumfahrtbehörde sucht, um, wie es heißt, den nationalen Charakter des Projekts hervorzuheben, nach einem passenden Sanskrit-Wort für die Weltraumreisenden.

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Von
  • Peter Glaser

Nun wollen auch die Inder auf den Mond. Bald wird es dort zugehen wie heute schon auf dem Mount Everest. Irgendwann wird die UN eine Müllsammelexpedition auf den Weg schicken.

Die indischen Raumfahrer sollen weder als Astro- noch als Kosmo- oder Taikonauten bezeichnet werden. Stattdessen sucht die indische Raumfahrtbehörde, um, wie es heißt, den nationalen Charakter des Projekts hervorzuheben, nach einem passenden Sanskrit-Wort für die Weltraumreisenden. Mein Vorschlag wäre “Agnauten”. Der Hindusimus kannte ursprünglich keine Tempel, die Götter wurden durch Feueropfer angebetet. Agni, die Feuerform des Göttlichen, ist einer der bedeutendsten Götter. Er gilt als Mittler zwischen Menschen und Göttern. Die perfekte Stellenbeschreibung eines Astronauten also, jedenfalls wenn man die religiösen Aspekte der bemannten Raumfahrt in Betracht zieht.

Bisher war Indien nicht durch seinen Ehrgeiz aufgefallen, eine Raumfahrtnation zu werden. Raketen wurden für das Militär gebaut. In den Achtzigerjahren entwickelten die Inder eine Rakete nach dem Vorbild der amerikanischen “Scout” und nannten sie “Agni”. Die Agni-3 kann inzwischen eine Tonne Nutzlast 4000 Kilometer weit tragen und damit große Teile Chinas erreichen. Der Nachbarstaat Pakistan hat inzwischen ebenfalls Mittelstreckenraketen wie die Gauri-5 auf eine Reichweite von 3000 km hochgezüchtet.

Eine der letzten, wahrhaft großen Entdeckungen der Astronomie hieß "Void" – die Große Leere. Ein Void ist ein Areal des Universums, in dem es fast keine Galaxien gibt. Eines jener Gebiete liegt von der Erde aus gesehen im Sternbild Bärenhüter und ist etwa 250 Millionen Lichtjahre groß. Ein Mittelklassewagen, der sich an Tempo 100 hält, würde vom einen Void-Ende zum anderen etwa 2 hoch 365.213 Stunden reine Fahrzeit benötigen. Eine ähnlich große Leere herrscht dort, wo eigentlich der Sinn der bemanten Raumfahrt sein sollte. In der bemannten Raumfahrt ist es nie wirklich um Forschung gegangen (außer um spezielle raumfahrtmedizinische Fragen). Es ging darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Darum, mit den riesigen Raketen die Ingenieurskunst des Stahlhochbaus zu derselben Vollendung zu führen, zu der die alten Ägypter mit dem Pyramidenbau die Steinbearbeitung geführt hatten.

Der Versuch, den exzessiv lebensfeindlichen Weltraum gewissermaßen mit menschlichem Eroberungsdrang zu beheizen, ist, nach dem milliardenteuren Einflug mehrerer Kilo Mondgestein in den Sechziger- und Siebzigerjahren, in der Kälte des Kosmos verweht. Kein Agni kriegt den Raum wieder warm. Längst wenden wir das All technologisch nach innen, in uns selbst: Cyberspace ist das Inversum. Der Niedergang der bemannten Raumfahrt hat uns gelehrt, dass jeder an den Fahrten in die Weite teilnehmen können muß, um die Begeisterung für ein so immens teures Projekt aufrechtzuerhalten, nicht nur eine Hand voll Astro-, Kosmo, Taiko- oder Agnauten. Im Internet ist das kein Problem. (wst)